Bilder und Sprachen von Not, Gewalt und Mobilisierung. Das östliche Europa nach 1918 in medialen Repräsentationen

Teil 1: Der Nachkrieg, 11.-12. Oktober 2018, IOS Regensburg

Veranstalter
Leibniz‐Institut für Ost‐ und Südosteuropaforschung, IOS (Regensburg)
Herder‐Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz‐Gemeinschaft (Marburg)
Collegium Carolinum (München)
In Kooperation
mit der Bayerischen Staatsbibliothek (München)

Der doppelte Waffenstillstand zwischen den Mittelmächten und Russland und der Ukraine im Februar/März 1918 (Brest‐Litowsk) sowie im November 1918 zwischen der Entente und den Mittelmächten beendete zwar formell den Ersten Weltkrieg. Die Gewalt lebte aber in vielen Regionen des östlichen Europa fort, wie in Grenz‐ und Bürgerkriegen oder infolge von paramilitärischer Gewalt. Begleitet war dies von sozialem Elend sowie einer oft schwierigen Transformation staatlicher Strukturen und ökonomischer Beziehungen. Nach wie vor ist offen, wie stark die Gewalt‐ und Destabilisierungserfahrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit die neue politische und gesellschaftliche Ordnung in der östlichen Hälfte des europäischen Kontinents prägten.

Erst ansatzweise ist untersucht, welche Rolle in diesem Rahmen Massenmedien bei der Vergemeinschaftung und Dramatisierung von Gewalt‐ und Umbruchserfahrungen spielten. Vor dem Hintergrund der Gegnerstereotypen der Kriegspropaganda und neuer medialer Aussageformen soll die Doppeltagung daher untersuchen, wie (Sprach‐)Bilder von Not und Elend, Gewalt und Krise produziert, verbreitet und beantwortet wurden. Es soll danach gefragt werden, welche Dynamiken von einzelnen Medienereignissen (wie z. B. Schlachten, Attentaten, sozialen Unruhen, Pogromen und ethnischen Konflikten, Demonstrationen oder galoppierender Inflation) ausgingen und welche transnationalen Rezeptions‐ und Reaktionsmuster charakteristisch waren. Das östliche Europa kommt in diesem
Zusammenhang nicht nur als „crisis zone of Europe“ (Ivan Berend) in den Blick, in der vor dem Hintergrund postimperialer Neu‐Konfiguration soziale und politische Experimente etwa in der Kunst möglich wurden, sondern auch als Raum neuer medialer Experimente und Repräsentationen, die bewusste Gegenakzente setzten zur tradierten Welt der spätfeudalen multinationalen Monarchien.

Das Medium der Fotographie und im weiteren Verlauf der Nachkriegszeit des Radios und des Kinos wurden zu wichtigen Schauplätzen des Kampfes um Bedeutungshoheit über die neuen Verhältnisse. Unterschiedliche Akteure nutzten die genannten, aber auch andere neue mediale Möglichkeiten und vor allem die emotionelle Kraft des Bildes, um nach Innen sowie nach Außen Überzeugungsarbeit zu leisten. Der Oktoberaufstand und der Bürgerkrieg in (Sowjet‐)Russland produzierten Bilder, die langfristig die Ikonografie von politischen Umbrüchen prägen sollten. Die Abbildungen des Flüchtlingselends am Balkan und in Mitteleuropa aber auch des Hungers in Russland 1920-1923 gelten als eine der Wurzeln der Nutzung der Fotografie und anderer graphischer Künste für internationale humanitäre Hilfe.

Die Doppeltagung wird nicht ausschließlich nach visuellen Repräsentationen des Nachkriegs im östlichen Europa fragen, sondern auch andere Formen medialer Vermittlung (wie Ton) in den Blick nehmen. Dabei geht es auch um die Veränderung von Wahrnehmungsmustern und Wahrnehmungserwartungen. Die Leitfrage hierbei ist, inwieweit die Nachkriegserfahrung einerseits neue mediale Repräsentationsformen stimulierte, andererseits letztere die Wahrnehmung und Erinnerung dieser Krisen und Konflikte prägten. Auch Bildlichkeit ist dabei weit gefasst – es sollen nicht nur Fotos in den Blick genommen werden, sondern auch Karikaturen, kartografische Abbildungen, Piktogramme und Infografiken und deren Versuche der grafischen Darstellung sozialen Leids. Entsprechend können die einzelnen Beiträge die Wechselwirkungen zwischen neuen Repräsentationsformen und der Transformation von Wissens‐ und Werteordnungen adressieren. Auch interessieren die technischen und ästhetischen Aspekte ebenso wie die Akteure – Beispiele sind Künstler/innen wie Käthe Kollwitz mit ihrer Darstellung des Hungers in Russland, Fotografen wie der auf dem Balkan 1918 aktive Lewis Hine oder Wissenschaftler
wie die Kartographen Pál Teleki oder Eugeniusz Romer.

„Sprachen“ versteht die Doppeltagung ebenfalls breit. Entsprechend sind unterschiedlichste Tradierungsformen von Gewalt‐ und Krisenerfahrung, ihre Archivierung und interessengesteuerte Präsentation Thema der Doppeltagung. Beispiele dafür sind Fotos aus dem Bürgerkrieg in (Sowjet‐)Russland, die sich im Nachlass von General Wrangel befanden und von der Bayerischen Staatsbibliothek digitalisiert wurden, oder Originaldokumente über die Nachkriegswirren im Baltikum, die am Herder‐Institut aufbewahrt werden. Diese Materialien erlauben, neue Fragen zu stellen: Wie haben Regierungen und Konfliktparteien versucht, sich neuer Bildsprachen zu bemächtigen oder diese sogar zu entwickeln? Wie haben verschiedene Gruppen Visualisierungen von Leid und Unterdrückung als Mittel des politischen Kampfes und der Mobilisierung genutzt? Welche Rolle spielten internationale
Akteure, z. B. im Rahmen humanitärer Aktionen? Wurde hier gar ein neues Kapitel in der Geschichte politischer Propaganda und sozialer Agitation aufgeschlagen?

Während der erste Teil der Doppeltagung 2018 in Regensburg stattfindet und auf die unmittelbare Nachkriegszeit und die Zeit des Bürgerkriegs in Sowjetrussland und der Ukraine fokussiert, wird sich der zweite Teil 2019 in Marburg auf die Krisen der Zwischenkriegszeit, wie die Folgen der Implementierung der neuen Staatsformen, der Hyperinflationen oder der Weltwirtschaftskrise, konzentrieren. Zu fragen ist hier, ob das östliche Europa auch Ende der 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre weiterhin ein Laboratorium für weit über die Zwischenkriegszeit hinaus wirkende Repräsentationsweisen von Umbruch und tiefer Krise war.

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