Untergangsszenarien und Zukunftsvisionen in den Imperien des östlichen Europa (1830-1920)

Tagung am Herder-Institut, 11.-13. September 2013, Marburg

Die Tagung fand in Zusammenarbeit mit der Universität Bamberg, der Universität Gießen, der Leibniz Graduate School sowie dem Leibniz-Forschungsverbund „Krisen einer globalisierten Welt“ statt. In ihrer Einführung stellten die beiden Organisatoren, Peter Haslinger und Malte Rolf, die Parallelität bzw. die Wechselwirkungen von End- und Aufbruchsvisionen, wie sie vor allem mit Krisenphasen wie dem Ersten Weltkrieg einhergehen in den Fokus der Betrachtungen. Die verschiedenen Beiträge widmeten sich der Entstehung sowie den Folgewirkungen von Untergangsszenarien und Zukunftsentwürfen in den Großreichen des östlichen Europas, speziell der Habsburgermonarchie sowie dem Russländischen Reich. Die erste Sektion versammelte Beiträge, die unterschiedlich gelagerte imperiale Ambitionen und Untergangsängste am Vorabend des Ersten Weltkriegs erörterten. So betonte Jannis Wagner in seinen Ausführungen über den Wilhelminismus besonders die allgegenwärtige Polarität zwischen Größenrausch und Unterlegenheitsängsten. In der zweiten Sektion standen der Erste Weltkrieg und unterschiedliche Konzepte zur territorialen Neuordnung Europas im Mittelpunkt. Erwähnt seien hier beispielsweise die von Robert Walter vorgestellten Ideen Siegfried Lichtenstaedters, welche sich mit der Beendigung von Nationalitätenkonflikten durch Bevölkerungstransfers beschäftigten. Endzeitlandschaften und ihre literarische Verarbeitung hatte die dritte Sektion zum Inhalt. In diesem Zusammenhang sprach unter anderem Tim Mergelsberg über Aleksej Remizov und dessen Affenorden, wobei er explizit die Ausnahmestellung hervorhob, die Remizov mit seinen Ideen und Theorien zur Utopieliteratur einnahm. In der anschließenden Sektion wurden den interessierten Tagungsteilnehmern von Roland Cvetkovski und Alexa von Winning einerseits die Entstehung der russischen konservativen Ideologie und andererseits der russische Konservatismus als Utopieentwurf näher gebracht. Viktor Taki und Daniela Javorics näherten sich dem Thema der Tagung in der nächsten Sektion indem sie beide, Taki am Beispiel von Konstantin Leontiev und Javorics beispielhaft an Oskár Jászi und Karl Renner, die Krisen, Reformen sowie Erneuerungen in verschiedenen politischen Zukunftsentwürfen skizzierten. Sektion sechs und sieben ermöglichten den Zuhörern ebenfalls einen Überblick über verschiedene politische bzw. nationalstaatliche Zukunftsentwürfe. So analysierte unter anderem Ivars Ijabs den frühen lettischen Nationalismus in seinem interkulturellen Kontext. In der abschließenden Sektion machte Jan C. Behrends den russischen Blick auf amerikanische Metropolen und die damit einhergehende Frage nach Zukunftsvision oder Albtraum zum Gegenstand seiner Analyse. In der Zusammenfassung der Tagung verortete Peter Haslinger zentrale Diskussionspunkte in ein übergeordnetes Schema und resümierte das scheinbare Grundbedürfnis, die unterschiedlichen Zukunftseinschätzungen nach außen zu kommunizieren und mit einer breiten Öffentlichkeit zu teilen.