Das Vorrücken des Staats in die Fläche im langen 19. Jahrhundert

Tagung des Verbandes der Osteuropahistorikerinnen und -historiker (VOH) und des Herder-Instituts, 21.-22. Februar 2013, Marburg

Der Verband der Osteuropahistorikerinnen und -historiker (VOH) hielt seine Fachtagung erneut im Herder-Institut ab. Die Tagungsleitung hatten Herder Chair Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer (Bergischen Universität Wuppertal und Kulturwissenschaftliches Institut Essen) und PD Dr. Jörg Ganzenmüller (Friedrich-Schiller-Universität Jena) inne.

Die Entstehung des modernen Staates ist eng mit der Ausweitung der zentralen Staatsgewalt auf die lokale Ebene des Staatsgebiets verknüpft. Diese erfolgte nicht zuletzt durch den Aufbau von Bürokratien und durch die Ausweitung der Staatstätigkeit. Betrachtet man die beteiligten Akteure, so sind zum einen die lokalen Amtsträger zu nennen, die als zunehmend professionell ausgebildete Beauftragte einer bei aller Differenzierung einheitlichen Staatsgewalt erscheinen. Sie stießen auf die traditionellen Eliten, die nicht selten noch kurz zuvor Herrschaftsträger aus eigenem Recht gewesen waren. Wollten die staatlichen Beauftragten Projekte zur Entwicklung der Gesamtgesellschaft implementieren, so konnte ihnen dies nur gelingen, wenn sie sich erfolgreich innerhalb der traditionellen lokalen Machtbeziehungen verorteten. Es erschien den Tagungsorganisatoren vom Verband der Osteuropahistorikerinnen und -historiker e.V. (VOH) lohnenswert, den Prozess des Staatsausbaus als einen Aushandlungsprozess zwischen Agenten der Zentralgewalt und jenen der lokalen Gesellschaften, speziell der ökonomisch Mächtigen sowie sozial Einflussreichen unter ihnen, zu untersuchen. Das Vorrücken des Staates in die Fläche erscheint dabei nicht als unaufhaltsamer Vormarsch der staatlichen Bürokratie, sondern als diskontinuierlicher, vielfach kontingenter Prozess, in dem die Bedingungen der Ausübung von Autorität auf verschiedenen Feldern stets neu ausgehandelt wurden. Ziel der Tagung war es, den Staatsausbau als Prozess zu begreifen und in seinen unterschiedlichen europäischen Ausprägungen zu untersuchen. In einer ersten Kartierung wurden alle europäischen Geschichtsregionen in den Blick genommen und im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses standen die unterschiedlichen Konzepte des Staatsausbaus, die Felder, auf denen das Vorrücken des Staates ausgehandelt wurde, und die Akteure, die im Zuge dieser Prozesse vor Ort aufeinandertrafen.

Dieser Beitrag erschien in gekürzter Fassung in Herder aktuell 36, 1/2013.