Martha von Grot – deutschbaltische Reformpädagogin und europäische Migrantin

Bescheinigung für Martha von Grot über die Leitung des Dorpater Lehrerinnenseminars, DSHI 100 Grot 5
Bescheinigung für Martha von Grot über die Leitung des Dorpater Lehrerinnenseminars, DSHI 100 Grot 5

Unter den in der Dokumentesammlung aufbewahrten rund 160 Nachlässen befindet sich auch der der erfolgreichen deutschbaltischen Reformpädagogin Martha von Grot, die 1867 in Hasenpoth geboren wurde und nach einer ganzen Reihe von Lebensstationen 1962 in Vielbach im Odenwald verstarb. Sie genoss eine umfassende Schul-, pädagogische und universitäre Bildung in Mitau, Dorpat, Paris, Würzburg und an anderen Orten.

Als im zum russischen Reich gehörigen Baltikum 1887 durch Gesetz der Schulunterricht in russischer Sprache festgeschrieben wurde, zogen sich die deutschbaltischen Bemühungen im Bildungssektor aus dem öffentlichen in den privaten Bereich zurück. Die bis dato für die Bildungspolitik verantwortlichen Ritterschaften stellten ihre finanziellen und personellen Unterstützungen ein und schlossen beispielsweise das Landesgymnasium in Birkenruh. Dafür stellten die ritterschaftlich besetzten Landtage umfangreiche Finanzhilfen für private Lehranstalten und für den häuslichen Privatunterricht zur Verfügung, sofern mindestens 4 Kinder unterrichtet würden, von denen mindestens eines nicht zum Haushalt gehören durfte.

Von diesen Veränderungen war auch Martha von Grot betroffen: Nach ihrer Rückkehr vom Studium ins Baltikum gab sie privaten Unterricht in Mitau und Goldingen. 1904 wurde die pädagogisch Begabte mit der Leitung des Dorpater Lehrerinnenseminars beauftragt, das die Livländische Ritterschaft 1892 als private Lehranstalt eingerichtet hatte. Das Seminar fand 1906 staatliche Anerkennung, nachdem unter dem Eindruck der Revolution von 1905 die russische Minderheitenpolitik neu ausgerichtet wurde. Beigefügtes Archivale des Monats zeigt die von der Schulverwaltung der Livländischen Ritterschaft ausgestellte Bescheinigung für Martha von Grot über die Beauftragung mit der Leitung des Seminars.

Ihre pädagogischen Prinzipien entwickelte Grot in Anlehnung u.a. an Hugo Gaudig und Georg Kerschensteiner und stellte die Förderung des eigenen Lernwillens der Schüler/innen sowie die Förderung von Gemeinschaft und Eigeninitiative in den Mittelpunkt der Erziehungsarbeit. Mit ihrem Ansatz konnten ihre Schützlinge vergleichsweise häufig gute Leistungen bei den Prüfungen an den staatlichen russischen Lehranstalten erzielen.

Im Zuge von Erstem Weltkrieg und bolschewistischer Machtübernahme wurde sie ins Innere Russlands deportiert und geriet in Gefangenschaft. Nach ihrer Freilassung siedelte sie ziemlich schnell aus dem Baltikum aus und wurde am 13. März 1923 in Pasing bei München ins Deutsche Reich eingebürgert. Dort leitete sie bereits seit 1920 ein Lyzeum bis sie 1927 als pädagogische Leiterin an die Zinzendorfschule in Neuwied am Rhein berufen wurde. 1936 wurde sie durch die nationalsozialistische Verwaltung zwangsweise in den Ruhestand versetzt.

Ihr Nachlass enthält neben persönlichen Dokumenten auch Unterlagen zu den Lehranstalten, an denen sie tätig war, einige pädagogische Reflektionen und Korrespondenzen. Einen Teil des Bestandes machen Würdigungen, Nachrufe und Erinnerungen an Martha von Grot aus.

Dr. Dennis Hormuth

Literatur (Auswahl):

  • Alīda Zigmunde: Die deutschbaltische Pädagogin Martha von Grot (1867-1962). Zeitgenossin von Georg Kerschensteiner und Theodor Litt, in: Theodor-Litt-Jahrbuch 9 (2014), S. 141-152.
  • Detlef Kühn: Die baltische Schule in Krisenzeiten, in: Deutschbaltisch-Estnischer Förderverein (Hrsg.): Bildungsgeschichte im Baltikum. 7. Baltisches Seminar in Liebau/Liepāja, Lettland an der Universität vom 27. bis 19. April 2009, Berlin 2010, S. 125-134.