Der Rigaer Burggraf im Jahr 1677 - Karrierehöhepunkt eines politischen Fuchses

Gratulationsschreiben von Herzog Jacob Kettler an Melchior Fuchs, DSHI 120 KLA 13, S. 76.
Gratulationsschreiben von Herzog Jacob Kettler an Melchior Fuchs, DSHI 120 KLA 13, S. 76.
Melchior Fuchs
Melchior Fuchs (1603-1678), Bürgermeister und Burggraf 1647, Bildarchiv Inv.-Nr. 42999

Der Burggraf war einer der vier Bürgermeister in Riga und hatte drei zusätzliche Aufgaben:

  • Er hatte im Rat die Interessen der Krone in besonderer Weise zu vertreten. Königliche Schreiben an die Stadt waren in der Regel an ihn adressiert und er musste diese im Rat verlesen und vertreten.
  • Er hatte im königlichen Auftrag auf die Justiz des Magistrats zu achten.
  • Er war Vorsitzender des Burggrafengerichts, das aus ihm selbst und zwei Ratsherren bestand und für alle Rechtsfälle in Riga verantwortlich war, an denen Adelige beteiligt waren.

Das Amt des Burggrafen kann man als eine kleine Besonderheit bezeichnen. Es wurde nach Danziger Vorbild gleich nach der polnischen Herrschaftsübernahme 1581 eingerichtet und bestand kaum verändert auch in schwedischer Zeit nach der Einnahme der Stadt durch Gustav II. Adolf 1621 weiter. Kritik an dem Amt und seinen Aufgaben kam weniger aus der Stadt selbst, sondern vielmehr von der Ritterschaft Livlands, die die städtische Gerichtsbarkeit über ihre landsässigen Mitglieder nur sehr ungern zu erdulden bereit war. Letztlich führten ihre Beschwerden 1725 einige Jahre nach der russischen Machtübernahme zur Auflösung des Burggrafengerichts – fortan sollten Adelige Bürger vor dem Magistrat und Bürger sollten Adelige vor dem Hofgericht verklagen. Dieses war zwar auch in Riga ansässig, war aber nicht wie das Burggrafengericht bürgerlich, sondern adelig dominiert.

Unser Archivale des Monats zeigt dieses Mal eine Momentaufnahme aus der schwedischen Zeit. 1677 wurde der gebürtige Rigaer Melchior Fuchs (1603-1678) zum Burggrafen ernannt. Er ist bereits seit 1639 als Ratsherr nachzuweisen und hatte eine ganze Reihe von diplomatischen Missionen für die Stadt am königlich schwedischen Hof übernommen. Am 9. Mai 1648 wurde er von der schwedischen Königin Christina nobilitiert. Bekannt geworden ist Fuchs durch zwei Werke, zum einen als Autor einer wichtigen Chronik (Historia mutati regiminis et privilegiorum civitatis Rigensis). Zum anderen war er maßgeblich an der Einführung der städtischen Wasserkunst 1663 beteiligt, einem Pumpwerk, das Riga durch Rohrleitungen mit Wasser aus der Düna versorgte. Als er das Amt des Burggrafen übernahm, fungierte er bereits seit 30 Jahren als Bürgermeister.

Am 26. Oktober 1677 gratulierte ihm Jacob Kettler, Herzog von Kurland, zum Amtsantritt (vgl. die Abbildung). Der Herzog nutzte die Gelegenheit, um den neuen Burggrafen von der Notwendigkeit zu überzeugen, einen Rechtsstreit des Amtsvorgängers mit einem seiner Diener, dem Obersten Johann Christian von der Heide, schnellstmöglich zu beenden. Der erfahrene Stadtpolitiker Fuchs wird sich sicherlich nicht von diesem Vorgehen des Herzogs überrumpelt haben lassen. Wahrscheinlicher ist, dass er die Angelegenheit einer gründlichen Prüfung unterzogen hat, wenn er nicht bereits als seit langem amtierender Bürgermeister ohnehin damit vertraut war.

Dr. Dennis Hormuth

Literatur:

Heinrich Julius Böthführ: Rigische Rathslinie von 1226 bis 1876, Riga / Moskau / Odessa 1877, S. 171f.

Melchior Fuchs: Historia mutati regiminis et privilegiorum civitatis Rigensis 1654, in: Eduard Frantzen (Hg.): Riga’s älteste Geschichte in Uebersicht, Urkunden und alten Aufzeichnungen (= Monumenta Livoniae antiquae IV), Riga / Leipzig 1844, S. 297-320.