Die Statuten der Hollander’s Familienstiftung

Deckblatt der Statuten der Familienstiftung, DSHI 100 Hollander, H. 30, p. 1
Deckblatt der Statuten der Familienstiftung, DSHI 100 Hollander, H. 30, p. 1

Neben staatlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Sicherungssystemen spielen seit vielen Jahrhunderten auch familiäre Netzwerke eine gewichtige Rolle für die alltägliche Risikovorsorge der Menschen. Die Einrichtung einer Familienstiftung sollte helfen, in Not geratenden Verwandten den Lebensunterhalt zu sichern oder einen gewissen Lebensstandard zu erhalten. Hierfür wurde, wie in Stiftungen üblich, ein Kapitalstock eingerichtet, der verzinst angelegt wurde. Aus den einkommenden Renten wurden die Unterstützungen finanziert. Nicht ausgezahlte Renten wurden für die Aufstockung des Kapitals verwendet. Von diesen Grundlagen abgesehen waren die Modalitäten der Entstehung von Stiftungen, die Voraussetzungen für den Erhalt von Zuwendungen und alle übrigen Bestimmungen der Stiftungsstatuten bunt wie ein Regenbogen.

Im Archivale des Monats präsentieren wir Ihnen dieses Mal die Statuten der Hollander’s Familienstiftung, die 1885 erlassen und 1886 in Riga gedruckt wurden. Die Statuten bestehen aus 16 Paragraphen, die in drei Abschnitte unterteilt sind:

  1. Zugehörigkeit zur Familienstiftung
  2. ohne Titel [Verwaltung der Stiftung]
  3. Die Ertheilung von Unterstützungen

Das Stiftungskapital wurde durch den Verkauf von 33 Ölgemälden und einer Marmorbüste an die Stadt Riga zusammengebracht und betrug 6.000 Rubel. Am Beginn der Statuten wird der Personenkreis umrissen, der in den Genuss von Zahlungen kommen könnte: Die vier stiftenden Geschwister einigten sich auf den Großvater, Johann Samuel Hollander, als Bezugspunkt. Seine weiblichen und männlichen Nachkommen werden als Berechtigte bezeichnet, sofern sie den Namen Hollander tragen. Verheiratete weibliche Nachkommen sollten noch persönlich berechtigt sein, nicht aber deren Kinder und Kindeskinder. Demnach liegt hier ein dynastisches, aber kein biologisches Familienverständnis zugrunde. Für die bereits verheiratete Mitstifterin Caroline Pohrt geb. Hollander wurde eine Ausnahme gemacht. Auch ihre Kinder und sogar ihre Schwiegertochter sollten im Falle einer Verarmung unterstützt werden.

Zusätzlich zum Recht per Geburt und Namenstragung wird noch eine Eigenleistung als Voraussetzung für den Genuss von Zuwendungen genannt: die Pflicht zum Einkauf in die Familienstiftung. Spätestens zum fünften Lebensjahr musste das Einkaufgeld von fünf Rubeln eingezahlt werden. Das einkommende Geld wurde zur Erhöhung des Stiftungskapitals genutzt. Unterstützungen sollten gezahlt werden für den Lebensunterhalt, für die Aussteuer weiblicher Familienmitglieder sowie für Schulgelder und das Studium an höheren Lehranstalten. Zusätzlich zu den Unterstützungsleistungen für Familienangehörige sollte die Stiftung das Familiengrab unterhalten. Die Verwaltung der Stiftung wurde dem Rat der Stadt Riga übertragen, daneben standen zwei männliche Mitglieder der Familie der Stiftung vor, die von der jährlich stattfindenden Generalversammlung der männlichen Stiftungsangehörigen gewählt werden sollten.

Dr. Dennis Hormuth