Einbürgerungen im 17. Jahrhundert

Liste der Neubürger Rigas 1662-63, DSHI 510 Riga Publica 09, p. 522
Liste der Neubürger Rigas 1662-63, DSHI 510 Riga Publica 09, p. 522
Eintrag zur Einbürgerung von Georg Plönnies, DSHI 510 Riga Publica 09, p. 194
Eintrag zur Einbürgerung von Georg Plönnies, DSHI 510 Riga Publica 09, p. 194

Vormoderne Städte waren wegen einer großen Lücke zwischen Mortalitäts- und Geburtenrate stets auf Zuwanderung angewiesen. Die Zuwanderung betraf alle gesellschaftlichen Schichten der Städte und beide Geschlechter, in der folgenden Betrachtung wird sich jedoch auf die am besten erforschte Gruppe der Stadtbewohner konzentriert: Die Bürger. Bürger einer Stadt war, wer das Bürgerrecht genoss, sich eidlich auf die Satzung der Stadt verpflichtete, ehelicher Geburt war, in der Regel auch über Vermögen und Grundbesitz verfügte, Steuern zahlte, spezielle Dienste leistete und im Gegenzug über politische Partizipationsrechte verfügte. Arme Menschen, abhängig Beschäftigte, Kinder, Frauen und Mitglieder religiöser Minderheiten, wie zum Beispiel Juden, waren in der Regel von dem Erwerb des Bürgerrechts ausgeschlossen.

Bürger wurden demnach Handwerker und Kaufleute. Auch die Absolventen der Universitäten gehörten im Verlaufe des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit in steigender Anzahl zu den Neubürgern der Städte, die im Zuge der steigenden Verwaltungsprofessionalisierung auf Juristen und für die gesundheitliche Versorgung der Stadtbevölkerung auch auf Ärzte angewiesen waren. In der Regel verlangten die Städteordnungen ab dem 17. Jahrhundert sogar, dass eine gewisse Quote an Ratsmitgliedern oder gar Bürgermeistern studierte Juristen sein mussten.

In unserem Archivale des Monats präsentieren wir Ihnen zwei Auszüge aus dem Ratsprotokoll Rigas aus dem Jahr 1662/1663: Die Auflistung der Neubürger aus diesem Zeitraum (Abb. 1: DSHI 510 Riga Publica 09, p. 522) und einen Eintrag aus dem laufenden Protokoll, der den Neubürger Georg Plönnies betrifft (Abb. 2: DSHI 510 Riga Publica 09, p. 194). In dieser Stadt lag die Quote der Zuwanderer unter den Bürgern in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bei ca. 47 Prozent. Die Einbürgerung war ein Rechtsakt, der vor dem Rat stattfand. Dieser nahm die Kandidaten nach Überprüfung und nach Erlegung eines Bürgergeldes, einer Art Eintrittsgebühr, zu Bürgern an. Diese mussten wie in modernen Verwaltungsverfahren auch Dokumente beibringen. In der Regel genügte die Bescheinigung der ehelichen und freien Geburt aus, eventuell musste noch eine Art Führungszeugnis oder die Bescheinigung über die Entlassung aus der Bürgerschaft einer anderen Stadt hinzugefügt werden. Konnte ein Kandidat, wie Georg Plönnies im hier abgebildeten Beispiel, keine Geburtsurkunde sofort beibringen, erhielt er ein halbes Jahr Aufschub. In diesem Fall war es aber notwendig, dass sich jemand aus der Bürgerschaft für den Kandidaten verbürgte. Für Plönnies taten dies Claus Christiani und Jürgen Bevermann.

Georg Plönnies war studierter Jurist und war bereits am Reichskammergericht in Speyer in Diensten des schwedischen Königs, zu dessen Reich Riga zu der Zeit gehörte. In Riga wurde er Ältester der Schwarzhäupter und später sogar Ältermann der Großen Gilde. Das politisch bedeutsamste Amt unterhalb des Rates, das ein Wahlamt war, konnte also mit einem Zuwanderer in die städtische Gesellschaft besetzt werden. Zuwanderung war in vormodernen Städten ganz normal und kein Hinderungsgrund für sozialen und politischen Aufstieg.

Dr. Dennis Hormuth