Leben – Lehre – Landeskunde. Der Nachlass des Ostforschers und Geographen Herbert Schlenger

Vorlesungsmanunskripte von Herbert Schlenger, DSHI 100 Schlenger (Foto: Claudia Junghänel)
Vorlesungsmanunskripte von Herbert Schlenger, DSHI 100 Schlenger (Foto: Claudia Junghänel)

Die Dokumentesammlung bewahrt derzeit 161 Nachlässe auf. Der größte Teil davon stammt von Menschen deutschbaltischer Herkunft. Daneben befinden sich in unserer Sammlung aber auch Nachlässe von zum Beispiel ehemaligen Mitarbeitern oder anderen Wissenschaftlern, die sich mit dem Forschungsgebiet des Herder-Instituts befassten. Zu diesen Beständen gehören auch die nachgelassenen Materialien des Geographen Herbert Schlenger, der Gründungsmitglied des Herder-Forschungsrates und von 1950 bis 1954 Mitarbeiter des Herder-Instituts war. Nach seinem Ausscheiden blieb er dem Institut noch lange Jahre als Mitherausgeber der Zeitschrift für Ostforschung (heute: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung) verbunden.

1904 in Neumittenwalde geboren studierte er ab 1924 in Breslau Geographie, Mathematik, Physik, Philosophie und Geschichte. Nach seiner Promotion über die Formen ländlicher Siedlungen in Schlesien bei Max Friederichsen baute er gemeinsam mit Hermann Aubin das Seminar für geschichtliche Landeskunde an der Universität Breslau auf und wurde später Leiter des Amts (später: Instituts) für schlesische Landeskunde. Im Zweiten Weltkrieg diente er als Meteorologe bei der Luftwaffe und war u.a. für die Erstellung von Gefechtswetterberichten verantwortlich. 1945 bis 1949 befand er sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Lager Čerepovec, wo es ihm nach eigener Auskunft möglich war, an Aufbau und Lehrbetrieb einer Lagerhochschule mitzuwirken.

Nach seiner Zeit im Herder-Institut wurde er 1954 an die Universität Graz berufen, wo er nur drei Jahre lang bis zu seinem Ruf an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel blieb. Herbert Schlenger steht zwar als ein Beispiel für die personelle Kontinuität der deutschen Ostforschung nach dem Krieg, sein enger Bezug zur schlesischen Landeskunde allerdings weichte mit der Zeit auf. Schrieb er in der Zwischenkriegszeit, wie viele andere deutsche Wissenschaftler auch, noch gegen die Versailler Friedensordnung an, bestechen seine späteren Analysen zur sowjetischen Wirtschaftsgeographie doch durch ein hohes Maß an politischer Nüchternheit.

Sein in der Dokumentesammlung aufbewahrter Nachlass umfasst insgesamt 320 Archivalieneinheiten, die allerdings ausschließlich auf die Zeit nach der Kriegsgefangenschaft beschränkt sind: nur wenige persönliche Unterlagen und sehr wenig Material zu seinem Kieler Rektorat, das er 1963–1964 innehatte. Daneben befinden sich in dem Bestand seine dienstliche Korrespondenz, Manuskripte zu eigenen Vorträgen, Druckfahnen eigener Beiträge und eine Sammlung an Sonderdrucken befreundeter Kollegen. Unter den Unterlagen hervorzuheben sind 85 Archivalieneinheiten, die auf seine Lehrtätigkeiten in Graz und Kiel bezogen sind (siehe auch die Abbildung): vorwiegend Vorlesungsmanuskripte, aber auch Referatspapiere seiner Studierenden und Exkursionsunterlagen. Die universitäre Lehre war Herbert Schlenger ein großes Anliegen.

Dr. Dennis Hormuth

Literatur:

  • Heinz Hinkel: Der Geograph und Kartograph Herbert Schlenger (1904–1968), Sonderdruck aus: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 42–44 (2001–2003), S. 715–725.
  • Christian Lotz: Herbert Schlenger; in: Joachim Bahlcke: Schlesische Lebensbilder, Band XII, Insingen 2017, S. 367–380.