Kleine künstlerische Kostbarkeiten – aus dem Baltikum

Auswahl der Briefe aus Kurland mit den Kleinkunstwerken vor 1914, DSHI 140 Balt 374
Auswahl der Briefe aus Kurland mit den Kleinkunstwerken vor 1914, DSHI 140 Balt 374

Manchmal finden sich in Archivalien heute längst vergessene kleine künstlerische Kostbarkeiten. Dieser Eindruck bestätigte sich bei Durchsicht der Briefe von Mary Blahse (verheiratete Velte), einer Arzttochter aus Talsen in Kurland, die sich zur Lehrerin ausbilden ließ, an ihre Kollegin, Margarete Rother (verheiratete Löhner) in Leipzig und Freiberg in Sachsen. Die insgesamt 76 Briefe stammen aus den Jahren 1912 bis 1935. In diesen befindet sich auch eine Sammlung von offensichtlich von Mary Blahse selbst stammenden Gedichten (Umfang 106 Blatt).

Das Briefpapier aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ist oftmals durch kleine oben links aufgedruckte farbige Illustrationen verziert. Abgebildet sind bekannte Zeugnisse baltischer Baudenkmäler aus allen drei Ostseeprovinzen, wie etwa der „Lange Hermann“ auf dem Domberg in Reval/Tallinn, die Domruine in Dorpat/Tartu, der Dom zu Riga, die Trinitatiskirche in Mitau/Jelgava und die Burgruine von Segewold/Sigulda. Hinzu kommt noch die Darstellung einer Hansekogge mit dem typischen Gonfanon.
Wer diese Kleinkunstwerke geschaffen hat, ist unsicher. Auf der Zeichnung, die die Domruine in Dorpat zeigt, ist eine Künstlersignatur angegeben: „E.B.“. Möglicherweise handelt es sich um den Maler Eduard Bienemann (geboren in Libau 1795, gestorben in St. Petersburg 1842, vgl. Deutschbaltisches Biographisches Lexikon, 1970, S. 65).

Das vorliegende Briefkonvolut zeugt von einem recht langen Zeitraum geistigen Austauschs, dessen Inhalt auch in zeitgeschichtlicher Perspektive aufschlussreich ist und auf eine gesonderte Auswertung wartet.

Das „AdM“, das „Archivale des Monats“ der Dokumentesammlung des Herder-Instituts, hat nun seinen zehnten Jahrgang vollendet. 120 Beiträge sind mittlerweile erschienen. Davon betreffen über 100 die Geschichte der baltischen Region vom 14. bis zum 21. Jahrhundert. Die beiden Bearbeiter danken für die vielfältige Aufmerksamkeit, die Sie als Leser diesem kleinen Internetforum geschenkt haben.

Dorothee M. Goeze, Dr. Peter Wörster