Nachlass und Teilnachlass des Carl Engel – differenziertes Verstehen historischer Akteure

Seite aus dem Notizbuch Engels, DSHI_100_Engel_200_004v
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Unter den ca. 160 Nachlässen und Teilnachlässen, die in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts aufbewahrt werden, befindet sich auch der wissenschaftliche Nachlass des Carl Friedrich Wilhelm Engel. Er wurde 1895 in Magdeburg geboren und starb 1947 im sowjetischen Internierungslager Fünfeichen, Neubrandenburg.

Nach seinem Tübinger Studium und seiner 1928 erfolgten Promotion über jungsteinzeitliche Kulturen im Mittelelbegebiet begann für ihn eine vielversprechende museale und wissenschaftliche Karriere. 1929 bis 1934 war Engel wissenschaftlicher Assistent am Prussia-Museum in Königsberg, 1934 wurde er als Dozent, später als Professor ans Herder-Institut in Riga berufen. Ab 1939 bekleidete er die ordentliche Professur für Vorgeschichte an der Universität Greifswald, deren Rektor er 1942 wurde. In seiner Antrittsrede „Ausweitung unseres Geschichtsbildes durch die Vorgeschichtsforschung“ betonte er u.a. die kriegswichtige Rolle der Universitäten allgemein, wobei er auf den Beitrag der Entwicklung von Heilverfahren für Kriegsverwundete und auf rassehygienische Studien verwies. In Greifswald leitete er zudem die Außenstelle Greifswald des Pommerschen Landesmuseums und Landesamtes für Vorgeschichte in Stettin.

Eigentliches Hauptarbeitsgebiet Engels wurde die preußische Vorgeschichte, sein wissenschaftlicher Blick glitt aber auch immer wieder ins Baltikum, nicht zuletzt aufgrund seiner Zeit in Riga. Er erhielt hier noch vor der Übernahme der Dozentur am Herder-Institut die Aufgabe, die Vorgeschichtssammlung des Rigaer Dommuseums neu zu ordnen, was in der Publikation eines entsprechenden Sammlungsführers mündete. Unser Archivale des Monats (vgl. die Abbildung) zeigt eine Seite aus dem Notizbuch, das Engels für diese Arbeiten anfertigte. Sein Nachlass beinhaltet zudem weitere Notizbücher zu Sammlungen aus Museen anderer Städte, so zum Beispiel Reval, Wilna, Grodno und Kaunas.

Für die Nachwelt ist so gut greifbar seine wissenschaftliche Arbeitsweise dokumentiert. Auffallend ist an dem in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts aufbewahrten Material, dass fast ausschließlich das wissenschaftliche Wirken abgebildet ist, kaum persönliche oder weltanschauliche Angelegenheiten behandelt werden. So erfährt man aus den Materialien nichts über seine Dozentur an der NS-Ordensburg Krössinsee oder über seine Tätigkeit im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg im Zweiten Weltkrieg. Er war hier als Leiter des Sonderstabs Vorgeschichte der Arbeitsgruppe Weißruthenien tätig und war in dieser Funktion für Plünderungen von Kulturgut im Reichskommissariat Ostland verantwortlich. Genauso wenig erfährt man aber auch über die Aktion, durch die er ins kollektive Gedächtnis der Stadt Greifswald einging: seine maßgebliche Beteiligung an der friedlichen Übergabe Greifswalds an die heranrückende Rote Armee, die er als Rektor der Universität zusammen mit dem Mediziner Gerhardt Katsch und dem stellvertretenden Stadtkommandanten Max Otto Wurmbach in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bewerkstelligen konnte.

Nicht der gesamte Nachlass wurde nach dem zweiten Weltkrieg nach Westdeutschland verbracht, sondern ein kleinerer Teil verblieb in Greifswald und bildet heute den im dortigen Universitätsarchiv aufbewahrten Bestand „4.47 Nachlaß Carl Engel“. Aus diesem Material heraus wurden bereits Teile des Tagebuchs Engels ediert. Nur aus der Gesamtschau beider Teilnachlässe in Greifswald und bei uns in Marburg ergibt sich ein umfassendes Bild des Bestandsbildners, das zudem noch um Archivalien aus den politischen Behörden und wissenschaftlichen Institutionen angereichert werden müsste.

Dr. Dennis Hormuth

Werke Engels in Auswahl:
Carl Engel: Führer durch die vorgeschichtliche Sammlung des Dommuseums, Riga 1933.

Carl Engel (Hg.): Ostbaltische Frühzeit, Leipzig 1939.

Carl Engel: Ausweitung unseres Geschichtsbildes durch die Vorgeschichtsforschung. Rede, gehalten bei Antritt des Rektorates der Ernst Moritz Arndt-Universität Greifswald am 2. Juni 1942, Greifswald 1943.

Literatur:

Jonas Beran: Carl Engel 1895-1947, in: Alteuropäische Forschungen NF 1 (1997), S. 133-146.

Anja Heuss: Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion, Heidelberg 1999, S. 147-150.

Michael Grüttner: Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik, Heidelberg 2004, S. 43-44.

Günter Mangelsdorf (Hg.): Zwischen Greifswald und Riga. Auszüge aus den Tagebüchern des Greifswalder Rektors und Professors der Ur- und Frühgeschichte, D. Carl Engel vom 1. November 1938 bis 26. Juli 1945, Stuttgart 2007.

Projekt „Die Universität Greifswald im Nationalsozialismus“ der Universität Greifswald: https://www.ns-zeit.uni-greifswald.de/projekt/personen/engel-carl/, Download am 21.11.2017.