Vierzig Jahre im Dienste der Lutherischen Kirche Rußlands – die Lebenserinnerungen Theophil Meyers

Deckblatt der Lebenserinnerungen des Theophil Meyer, DSHI 160 Russlandarbeit 6
Deckblatt der Lebenserinnerungen des Theophil Meyer, DSHI 160 Russlandarbeit 6

Theophil Alexander Meyer wurde am 5. Mai 1865 im nordlettischen Allendorf (Aloja) als Sohn des dortigen Pastors Friedrich Wilhelm Meyer und der Mathilde Meyer, geb. Fraas, geboren. Nach seiner Schulzeit in Pernau (Pärnu) studierte er in Dorpat (Tartu) von 1885 bis 1889 wie der Vater Theologie. Seine ersten Amtsjahre als Pastor verbrachte er auf der Krim, in Bessarabien und 12 Jahre lang im südukrainischen Nikoleav bis er 1911 an seinen letzten Wirkungsort, Moskau, berufen wurde, wo er bis 1927 Pastor an der Petri-Pauli-Kirche war.

Zeit seines Lebens engagierte Meyer sich über die engeren dienstlichen Pflichten hinaus für die evangelische Kirche im russischen Kaiserreich beziehungsweise später in der Sowjetunion: In seiner Nikolaever Zeit war er Direktor der Evangelischen Bibelgesellschaft und Schriftführer des Bezirkskomitees der Unterstützungskasse für evangelisch-lutherische Gemeinden, in Moskau fungierte er unter anderem an verschiedenen staatlichen Einrichtungen als Religionslehrer, Präsident des Schulrats und Vizepräsident der evangelischen Stadtmission. Innerhalb der Amtshierarchie der evangelisch-lutherischen Kirche Russlands stieg er auf: Er wurde Oberkonsistorialrat und Präsident des Oberkirchenrats. 1924 verlieh ihm die Generalsynode den Bischofstitel.

Als die Repressalien der Sowjetmacht auch gegenüber der evangelisch-lutherischen Kirche zunahmen, durfte er, vermutlich einer schweren Erkrankung wegen, auch nach 1928 in Moskau bleiben, wo er 1934 am 28. April verstarb.

Die Dokumentesammlung des Herder-Instituts bewahrt in ihren Beständen ein Typoskript der Lebenserinnerungen Theophil Meyers auf (Signatur: DSHI 160 Russlandarbeit 6), die er vermutlich nach dem Ende seiner Amtstätigkeit in Moskau niederschrieb. Sie umfassen 333 Seiten und enden im Jahre 1930. Es handelt sich hierbei um einen Durchschlag, ob und wo das Original erhalten ist, ist derzeit nicht bekannt.

Der Bischof beschrieb dem selbstgewählten Titel „Lebenserinnerungen“ gemäß sein gesamtes Leben von der Kindheit bis ins hohe Alter. Die Aufzeichnungen bilden insgesamt ein interessantes Panorama der späten Zaren- und frühen Sowjetzeit: die Kindheit in der späten Zarenzeit, das Studium an der im Zuge staatlicher Zentralisierungs- und Vereinheitlichungsbemühungen neuerdings russischsprachigen Universität Dorpat, die selbstverständliche dienstlich begründete Mobilität im russischen Reich, das Erlebnis der Revolutionen von 1917 in Moskau, die Hungersnöte im Land und die zunehmende Defensive der Kirchen in der frühen Sowjetzeit, wie er selbst im resignierenden Tonfall beschreibt: „Ein grosser Teil der jungen Leute scheint dem antireligiösen Einfluss der Umgebung erlegen zu sein.“ (DSHI 160 Russlandarbeit 6, S. 164). Seine Berichte von Amtsreisen, die Meyer ‚im Dienste der Gesamtkirche‘ durchzuführen hatte, bestimmen die zweite Hälfte der Lebenserinnerungen.

Theophil Meyer war eine herausragende Persönlichkeit der evangelisch-lutherischen Kirche in Russland in einer bewegten Zeit. Seine Lebenserinnerungen geben einen guten Einblick in die Ereignisse sowie in die Wertvorstellungen und die Lebenswelt des Autors. Sie verdienen eine genauere Auswertung und größere Beachtung durch die Forschung.

weitere Schriften Theophil Meyers in Auswahl:

Theophil Meyer: Nach Sibirien im Dienste der evangelisch-lutherischen Kirche. Mit Bildern und einer Karte, Dresden 1927.

Theophil Meyer (Hrsg.): Luthers Erbe in Rußland. Ein Gedenkbuch in Anlaß der Feier des 400-jährigen Reformationsfestes der evangelisch-lutherischen Gemeinden in Rußland, Moskau 1918.

 

Dr. Dennis Hormuth

 

Literatur:

Art. Meyer, Theophil Alexander, in: Wilhelm Lenz (Hrsg.): Deutschbaltisches biographisches Lexikon 1710-1960, Wedemark 1998, S. 516.

Wilhelm Kahle: Geschichte der evangelisch-lutherischen Gemeinden in er Sovetunion 1917-1938 (=Studien zur Geschichte Osteuropas 16), Leiden 1974.

Hermann Maurer: Die evangelisch-lutherische Kirche in der Sovetunion 1917-1937, in: Kirche im Osten 2 (1959), S. 69-79.