Vor 100 Jahren: Die Proklamation des Königreichs Polen 1916

"An die Bewohner des General-Gouvernements Warschau", 5. Nov. 1916, Ausfertigung in dt. Sprache (Archivsign.: DSHI_170_Altplakate_80)
"Do mieszkańców Warszawskiego jeneralnego gubernatorstwa", Ausfertigung in poln. Sprache (Archivsign.: DSHI_170_Altplakate_04)

Die Einstellung zur „polnischen Frage“ war 1915, nur ein Jahr nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs, in Berlin nicht ungünstig, soweit sich diese auf die Frage Russisch-Polens bezog. Es kann dabei an die Rede des Reichskanzlers Theobald v. Bethmann-Hollweg (1856-1921) vor dem Deutschen Reichstag am 19.8.1915 oder etwa an die Proklamation „An die Einwohner von Wilno“ nach der Einnahme der Stadt Wilna durch deutsche Truppen im September 1915 unter Traugott Graf von Pfeil und Klein Ellguth (1869-1920) erinnert werden, vgl. das „Archivale des Monats“ im April 2016 [https://www.herder-institut.de/servicebereiche/dokumentesammlung/archivale-des-monats/2016/april.html]. Allerdings folgte aus alledem politisch zunächst nichts, weil sowohl in Berlin wie in Wien die Bedenken virulent waren, dass mit allgemeinen Zugeständnissen an die Polen im bisherigen Russisch-Polen sich sogleich auch die Frage der anderen Teilungsgebiete, die preußisch bzw. österreichisch geworden waren, stellen konnte.

Erst als sich die militärische Lage der Mittelmächte im Jahre 1916 verschlechterte und die Materialschlachten an der Westfront, vor allem die Schlacht um Verdun (Febr.-Sept. 1916), immer größere Menschenverluste forderten, „drängte die deutsche Oberste Heeresleitung darauf, ein polnisches Staatswesen zu errichten, in der falschen Hoffnung, in ihm eine Freiwilligenarmee zum Kampf gegen Rußland anwerben zu können“ (Enno Meyer), um auf diese Weise mehr deutsche Truppen an die Westfront verlegen zu können.

Am 5. November 1916 war es soweit: Die Mittelmächte proklamierten ein „Königreich Polen“ auf bisher zum Russischen Reich gehörigen Territorien von „Kongresspolen“, die zum einen Teil der Verwaltung Berlins (Generalgouvernement Warschau), zum anderen der Verwaltung Wiens (GG Lublin) unterstanden. Es gab zwei Ausfertigungen dieser Proklamation, eine Lubliner und eine Warschauer, jeweils eine in deutscher und eine in polnischer Sprache. Beide haben sich in dem Bestand „DSHI 170 Altplakate“ erhalten.

Der deutsche Text lautet:

„An die Bewohner des General-Gouvernements Warschau!

Seine Majestät der Deutsche Kaiser und Seine Majestät der Kaiser von Österreich und Apostolischer [sic!] König von Ungarn, getragen von dem festen Vertrauen auf den endgültigen Sieg ihrer Waffen und von dem Wunsche geleitet, die von ihren tapferen Heeren mit schweren Opfern der russischen Herrschaft entrissenen polnischen Gebiete einer glücklichen Zukunft entgegenzuführen, sind dahin übereingekommen, aus diesen Gebieten einen selbständigen Staat mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung zu bilden. Die genauere Bestimmung der Grenzen des Königreichs Polen bleibt vorbehalten. Das neue Königreich wird im Anschluss an die beiden verbündeten Mächte die Bürgschaft finden, deren es zur freien Entfaltung seiner Kräfte bedarf. In einer eigenen Armee sollen die ruhmvollen Überlieferungen der polnischen Heere früherer Zeiten und die Erinnerung an die tapferen polnischen Mitstreiter in dem großen Krieg der Gegenwart fortleben. Ihre Organisation, Ausbildung und Führung wird in gemeinsamem Einvernehmen geregelt werden.

Die verbündeten Monarchen geben sich der zuversichtlichen Hoffnung hin, dass sich die Wünsche nach staatlicher und nationaler Entwicklung des Königreichs Polen nunmehr unter gebotener Rücksichtnahme auf die allgemeinen politischen Verhältnisse Europas und auf die Wohlfahrt und Sicherheit ihrer eigenen Länder und Völker erfüllen werden.

Die großen westlichen Nachbarmächte des Königreichs Polen werden an ihrer Ostgrenze einen freien, glücklichen und seines nationalen Lebens frohen Staat mit Freude neu erstehen und aufblühen sehen.

Auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Deutschen Kaisers.

Der Generalgouverneur
v. Beseler“

Die Warschauer Version wurde auf Deutsch und Polnisch im Königsschloss verlesen, der deutsche Text durch Hans Hartwig v. Beseler (1850-1921) selbst, der polnische durch Bogdan v. Hutten-Czapski (1851-1937), einem sehr prominenten preußisch-polnischen Politiker. Ein ähnlicher Akt fand in Lublin im österreichisch-ungarischen Generalgouvernement statt.

 

Folgende Punkte haben dazu beigetragen, dass diese Gründung keine allgemeine Begeisterung auf polnischer Seite hervorrief:

  1. Das neue Königreich sollte eine erbliche Monarchie werden, doch fehlte jeder Hinweis, welche Dynastie an der Spitze stehen und wie es zu einer handlungsfähigen polnischen Regierung kommen sollte.
  2. Die Grenzen des Königreichs sollten erst später bestimmt werden, was nicht allein aus polnischer Sicht sehr unbefriedigend war, sondern auch aus litauischer und ukrainischer Sicht. Weil die Abgrenzung gegenüber Litauen und der Ukraine im Einzelfalle schwierig war, hatten Berlin und Wien gerade deshalb die Frage der Grenzen zurückgestellt, um Litauer und Ukrainer nicht zu verärgern, aber auch um nicht eventuell über die preußischen und österreichischen Teilungsgebiete sprechen zu müssen, die für fast alle polnischen Politiker unverzichtbarer Teil des ganzen Polen waren.
  3. Der Zusammenhang zwischen der Gründung eines polnischen Staates und der Frage der Anwerbung von polnischen Kriegsfreiwilligen trat so überaus deutlich hervor, dass man es den Mittelmächten nicht abnahm, es ginge ihnen tatsächlich um die Wiederherstellung Polens nach 120 Jahren, die seit der letzten Teilung 1795 vergangen waren.

Berlin und Wien erkannten, dass nicht alle ungelösten Provisorien im Hinblick auf das neue Königreich Polen ungelöst bleiben durften. Die Mittelmächte hatten durch die Proklamation des neuen Königreichs zunächst einen vermeintlichen Vorsprung vor den Westalliierten in der Lösung der polnischen Frage. Ihr Zögern im Hinblick auf weitere Schritte beförderte aber die vom polnischen Exil beeinflussten Pläne, die polnische Frage mit den Interessen der Entente-Mächte zu verbinden und gegen die Mittelmächte zu richten. Diese fanden sich daher im Oktober 1917 bereit, einen polnischen Regentschaftsrat, der im Sinne eines künftigen Monarchen handeln sollte, und eine Regierung einzusetzen. Beide erhielten größere Kompetenzen, als man bis dahin hatte annehmen dürfen. So konnte mit dem Aufbau staatlicher Strukturen begonnen werden. Auch wenn nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte im November 1918 die Neugründung eines polnischen Staates in anderen Bahnen verlief und nach dem Willen der Siegermächte gestaltet wurde, sind doch einige Kontinuitäten bemerkenswert, die zwischen dem von Deutschland und Österreich-Ungarn proklamierten Staatswesen und der dann endgültig gegründeten Republik Polen bestanden, deren sichtbarster Akt darin bestand, dass der noch von den Mittelmächten berufene Regentschaftsrat am 11. November 1918 Józef Piłsudski „zum Generalissimus des bisherigen Polnischen Hilfskorps [ernannte], und am 14.11. [...] unter gleichzeitiger Ernennung zum 'Staatschef' die Regierungsgewalt“ übergab (Enno Meyer).

Zu den oben genannten zahlreichen ungelösten Fragen, die die Mittelmächte ihrer Proklamation eines Königreichs Polen für die nächste Zeit mitgaben, zählte auch der Protest der Litauer, die in dieser Proklamation eine Bevorzugung Polens auf Kosten Litauens sahen und die verhindern wollten, dass dem neuen Königreich Polen von Seiten der Mittelmächte eventuell das Wilna-Gebiet zugeschlagen werden könnte, was die offizielle deutsche Politik zwar nie vorgesehen hatte und was sie dann im Februar 1918 auch zugunsten Litauens anders entschied, was aber gleichsam im Bereich des Möglichen zu liegen schien, wenn man an die Proklamation des Grafen Pfeil im September 1915 an die Einwohner Wilnas denkt, die die  programmatische Formulierung enthielt: „Wilno - eine Perle in dem ruhmreichen Königreich Polen“ (AdM April 2016).

Peter Wörster