Sammeln organisieren – wissenschaftliche Methodik im Privaten

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Das Herder-Institut konnte im Rahmen des Förderprogramms „Erwerbung geschlossener Sammlungen und Nachlasse“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft und unterstützt durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft im Jahre 2001 das „Litauen-Archiv-Reklaitis“ erwerben. Es handelt sich um die umfangreichste und thematisch vielfältigste  Privatsammlung an Lithuanica im europäischen Raum. Sie macht umfangreiche Recherchen und Forschungen zur Kunst- und Kulturgeschichte Litauens und zur Geschichte der Personengruppe der Exillitauer im 20. Jahrhundert möglich.

Der Sammler, dem dieses Material zu verdanken ist, war Povilas Reklaitis (1922-1999), Sohn eines litauischen Vaters und einer litauendeutschen Mutter, der aus Aleksotas, einem Vorort von Kaunas, stammte. Er nahm nach der sowjetischen Besetzung Litauens mit seiner Familie an der Umsiedlung der Litauendeutschen im Frühjahr 1941 teil, studierte zunächst an der Reichsuniversität Posen, später an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Bamberg und an der Eberhard Karls Universität Tübingen Kunstgeschichte, Philosophie und Bibliothekswissenschaft. 1950 wurde er im Fach Kunstgeschichte promoviert. Von 1967 an war er in Marburg/Lahn in verschiedenen bibliothekarischen Anstellungen tätig, zuletzt in der Bibliothek des Herder-Instituts. Seine eigenen wissenschaftlichen Publikationen befassen sich im Wesentlichen mit der Kunstgeschichte Litauens.

Das „Litauen-Archiv-Reklaitis“ beinhaltet Materialien verschiedenster Art, wobei die Sammlung nach dem Ankauf auf die verschiedenen je nach Materialart zuständigen Abteilungen im Herder-Institut verteilt wurde. So erhielt die Bibliothek rund 3.000 bibliographische Einheiten, darunter zahlreiche Rara, alte Drucke des 17. und 18. Jahrhunderts und sogenannte graue Literatur, also abseits des üblichen Buchhandels vertriebene Literatur. Die Kartensammlung erhielt rund 250 Einheiten, worunter rund 100 Altkarten aus der Frühen Neuzeit besondere Erwähnung verdienen. Unser Bildarchiv erhielt rund 3.000 Neuzugänge: Druckgraphiken, Zeichnungen, Postkarten, Fotoalben und Fotopositive wie -negative. Die etwa 2.200 Archivalieneinheiten im klassischen Sinne mit einem Umfang von etwa 500.000 Seiten befinden sich in der Dokumentesammlung und sind in der Bestandsgruppe DSHI 150 LAR online über die Homepage des Herder-Instituts gut und leicht zugänglich recherchierbar. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass das „Litauen-Archiv-Reklaitis“ selbst elf Nachlässe vorwiegend exillitauischer Forscher beinhaltet.

In unserem Archivale des Monats weisen wir dieses Mal insbesondere auf die Akten hin, die Povilas Reklaitis selbst zur Organisation seiner Sammlung angelegt hat: Korrespondenzen mit anderen Sammlern und Wissenschaftlern, Rechnungen, Aufstellungspläne, Abgabe- und Verlustbücher, Rechenschaftsberichte und Zugangsbücher. Diese Akten markieren die Übernahme berufsorientierter Methoden des wissenschaftlichen Bibliothekars in die private Sphäre des Sammlers. Das Archivale des Monats zeigt eine Doppelseite aus einem dieser zuletzt genannten Akzessionsbücher. Zu sehen sind die laufende Nummer der Erwerbung, ein durch Reklaitis selbst gestalteter Kurztitel, Materialvermerke, Aufstellungsvermerke und die Nennung der Bezugsquelle. Zusammen mit den anderen aufgezählten Organisationsakten des „Litauen-Archiv-Reklaitis“ stehen der vor allem in Kunst- und Bildwissenschaften ungemein bedeutenden Provenienzforschung somit wichtige Quellen zur Verfügung.

Dennis Hormuth