Jaan Poska zum 150. Geburtstag

Mitbegründer estnischer Eigenstaatlichkeit und Unabhängigkeit 1917-1920

Plakat zum Film über Jaan Poska nach dem Drehbuch von Peeter Järvelaid und Toomas Lepp (2016) (Archivsign. DSHI 170 Plakate 2040)

Im Januar 2016 gedachte man in Estland – aber auch in Schweden und an anderen Orten – in zahlreichen Veranstaltungen und Publikationen des 150. Geburtstages von Jaan Poska, des Juristen, Politikers, Staatsmanns, der zu den wichtigsten Persönlichkeiten estnischer Politik in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gehörte. Seinem konsequenten tatkräftigen und klugen Wirken war es ganz wesentlich zu danken, daß das estnische Volk den Weg der nationalen, sozialen und politischen Emanzipation im 19. Jahrhundert mit der Gründung des eigenen Nationalstaats 1918 und dessen internationaler Anerkennung und Absicherung 1920 abschließen konnte.

Jaan Poska wurde am 24. Januar 1866 (neuen Stils) in Lais/Laiusevälja, Kreis Dorpat/Tartu geboren, also in Nordlivland, nach 1918 Südestland. Er starb bereits am 7. März 1920 in Reval/Tallinn. Poska studierte in Dorpat Jura und im Nebenfach Germanistik. Nach seinem Studium wurde er in Reval Rechtsanwalt und widmete sich der Kommunalpolitik. Er wurde in die Stadtverordnetenversammlung und schließlich noch vor dem Ersten Weltkrieg Oberbürgermeister Revals.

Als im März 1917, also nach der russischen Februar-Revolution, die neue Regierung die historischen Gouvernements im Baltikum abschaffte und das ganze Siedlungsgebiet der Esten in einem neuen Gouvernement Estland zusammenfaßte, wurde Poska dessen erster Gouvernementskommissar. Nach Abzug der (russischen) bolschewistischen Truppen im Februar 1918 und kurz vor der Ankunft reichsdeutscher Truppen (im Zusammenhang mit Brest-Litowsk) nutzte der *Provisorische Landtag des Gouvernements Estland* (Maapäev) das kurzfristig bestehende Machtvakuum zur Proklamation der freien Estnischen Republik und zur Unabhängigkeitserklärung, ein Rechtsakt, den die ankommenden reichsdeutschen Truppen, die bis November 1918 im Lande blieben, nicht anerkannten. Nach November war Poska als Außenminister Estlands rastlos tätig, um die Unabhängigkeit Estlands international abzusichern. Die Anerkennung durch die Westmächte war selbstverständlich, durch Deutschland nach der militärischen Niederlage ohne Alternative. Die Anerkennung durch Sowjetrußland wurde möglich, weil die bolschewistischen Truppen unter Beteiligung des deutschbaltischen *Baltenregiments* aus dem Lande gedrängt werden konnten. So war der Weg frei zum estnisch-sowjetischen Friedensvertrag von Dorpat am 2. Februar 1920. Dieser Vertrag wurde durch die Sowjetunion 1941 gebrochen. 1991 wurde er für Estland Rechtsgrundlage für die wiedergewonnene Unabhängigkeit.

2016 wurde zum besonderen Gedenkjahr an Jaan Poska und seine Bedeutung für die estnische Staatsgründung. Unermüdlicher Motor zahlreicher Veranstaltungen und Projekte zum Poska-Gedenken war der estnische Rechtshistoriker Prof. Dr. Peeter Järvelaid (Reval/Tallinn), der seit langem mit dem Herder-Institut in Marburg und mit zahlreichen anderen Personen und Institutionen in Deutschland eng verbunden ist (vgl. Peter Wörster: Alles, was Recht war und ist, estnisch und deutsch. Ihm widmet sich der Rechtshistoriker Peeter Järvelaid. In: Kulturpolitische Korrespondenz (Bonn), Jg. 2008, Ausgabe 1251).

Peter Wörster