„Vaterland Ihrer Wahl, Vaterland Ihrer Geburt“ - Dem Slawisten Peter Schalfejew zum 100. Todestag

Einfühlsamer Brief Eduard Sachaus an Peter Schalfejew von 1897 (Archivsign.: DSHI 100 Schalfejew 57, Bl. 115)

Als Peter Schalfejew am 4. Februar 1916 in Berlin starb, tobte der Erste Weltkrieg, vor allem zwischen dem „Vaterlande seiner Wahl” (Deutschland) und dem „Vaterlande seiner Geburt” (Rußland).  Dieses Gegensatzpaar nimmt Bezug auf die Tatsache, daß Schalfejew am 13. Februar 1858 in Livland (damals Russisches Reich) als Sohn russischer Eltern geboren wurde und somit russischer Untertan war, daß er aber von seiner Schul- und Universitätsbildung ganz deutsch(baltisch) war und Ende 1885 auch die evangelische Deutschbaltin Luise Schramm geheiratet hatte, Tochter eines Dorpater Kaufmanns.

Im Zuge der Russifizierung und Zentralisierung und der damit verbundenen intoleranten Haltung der russischen Regierung und der orthodoxen Kirche gerade solchen „Mischehen“ gegenüber verließ Schalfejew mit seiner Familie 1893 das Russische Reich, um sich in Berlin niederzulassen, wie es vor ihm und nach ihm viele Deutschbalten gemacht haben.

Nicht lange nach der Übersiedlung nach Deutschland hat sich Peter Schalfejew um seine und seiner Familie Entlassung aus dem russischen Untertanenverbande bemüht und diese 1894 auch erlangt. Ende Oktober des gleichen Jahres wurde allen Familienmitgliedern die preußische Staatsangehörigkeit verliehen. Der letzte Schritt der Assimilierung an das Deutschtum wurde 1897 vollzogen, als Peter Schalfejew mit seinen Kindern Erna und Eduard zur evangelischen Kirche übertrat.  Der Direktor des Seminars für Orientalische Sprachen Eduard Sachau (1845-1930) schrieb aus diesem Anlaß einen einfühlsamen Brief (vgl. Abb.) an seinen Kollegen. Darin heißt es: „Ihr Eintritt in Deutschland ist damit zum Abschluß gediehen, und ich hoffe, daß er Ihnen und Ihrer werthen Familie allzeit zum Segen gereichen möge, wie ich nicht zweifle, daß Sie dem Vaterlande Ihrer Wahl vortreffliche Dienste zu leisten vermögen, ohne dem Vaterlande Ihrer Geburt zu schaden.”

Peter Schalfejew stand in zwei Netzwerken, die zu erforschen nützlich sein könnte:

Da ist einmal die Geschichte der Slawistik: Der Bogen spannt sich von der Dorpater Studienzeit und den Kontakten zu dem berühmten polnischen Slawisten Jan Baudouin de Courtenay über die Berliner Zeit mit dem Kollegen Erich Berneker bis nach Graz zu Matija Murko.

Da sind andererseits die baltischen Zusammenhänge: Schalfejew stand auch in Berlin in engsten baltischen Bezügen. Er gehörte zum deutschbaltischen Akademikerkreis – zusammen mit den Historikern Joseph Girgensohn und Theodor Schiemann, den Slawisten Ludwig v. Marnitz und A. Fischer, dem Juristen Wilhelm (von) Seeler (Berliner Universität), den  Theologen Adolf (von) Harnack und Reinhold Seeberg sowie dem Chirurgen Ernst von Bergmann, wobei von besonderem Interesse sein wird. Schalfejews eventuellen Anteil an den Verbindungen dieses Kreises in die Politik und in den Preußischen Generalstab (General Max Hoffmann) zu erhellen.

Der Nachlaß Peter Schalfejew befand sich im Besitz seines Enkelsohns, der der DSHI in den 1980er Jahren erlaubte, den Bestand zu xerokopieren. Über den Verbleib des Originals war nach dem Tod des Enkelsohns bislang nichts in Erfahrung zu bringen, so daß der Forschung zur Zeit nur diese Kopie zur Verfügung steht.

(Vgl. PETER WÖRSTER: Russe-Deutschbalte-Preuße. Zu Leben und Werk des Slawisten Peter Schalfejew (1858-1916). In: Jahrbuch des baltischen Deutschtums, Bd. 49 (2002), S. 252-260).

Peter Wörster