Zum Beginn des neuen Jahres… Reisen im Januar 1857 im Russischen Reich – mit einem Visum

Visum der Stadt Hasenpoth für Luise Hess (DSHI 140 Balt 187_2 und 2 v).

„Den vierten Januar A[nn]o Ein Tausend Achthundert Sieben und Fünfzig“ ist ein Visum datiert, das der Magistrat der Stadt Hasenpoth in Kurland für die in seiner Stadt lebende Luise Hess ausstellte.

Das Visum ist in russischer Sprache verfasst. Auf der Rückseite befindet sich eine amtliche deutsche Übersetzung. Das Visum wurde von Hasenpoth mit jeweiligem russischen und deutschen Vordruck und handschriftlichen Eintragungen zweisprachig ausgegeben (vgl. Abbildung). Siegel und Stempel befinden sich nur auf der russischen Textversion, weshalb diese die „offiziellere“ Ausfertigung darstellt. 1857 musste das Visum wohl erst einmal in russischer Sprache ausgestellt werden, zumal es um eine Reise „in verschiedene Städte und Ortschaften des Russischen Reichs“ ging.

Zur Person der Reisenden Luise Hess ist nicht viel bekannt: Das Alter wird im vorliegenden Visum mit „38 Jahren und 3 Monaten“ angegeben. Sie dürfte also Ende 1818 geboren sein. Über sie wird weiterhin berichtet, dass sie in „ihren eigenen Angelegenheiten entlaßen“ werde,  um „in verschiedene Städte und Ortschaften des Russischen Reichs [zu reisen] von untenstehendem Datum an auf ein Jahr, d.h. des Jahres Ein Tausend achthundert achtundfünfzig, d[en] 4. Januar“ sich in Hasenpoth zurückgemeldet haben musste.

Wir erfahren weiterhin, dass Luise Hess zum damaligen Zeitpunkt unverheiratet („unverehelicht“) gewesen sei. Dass sie auch „abgabenfrei“ gewesen sei, hatte man zuerst geschrieben, dann aber durchgestrichen, woraus zu schließen ist, dass Luise Hess sehr wohl zu Abgaben verpflichtet war. Es liegt die Vermutung nahe, dass Luise Hess aus der bekannten Hasenpother Apothekerfamilie Hess/Heß stammte, vielleicht eine Schwester des Otto Christian Heß (1805-1883) war (vgl. KURT MIRAM: Bürger- und Einwohnerbuch Hasenpoth und Umgebung in Kurland/Lettland etwa 1700 bis 1835 ff. Zwei Bände, Darmstadt 2005, Nr. 1205). Eine Identität mit der bei Miram unter Nr. 1206 genannten „Louise Hesse“, die Carl Ferdinand Witte, einen Müller in Nigranden, verheiratet war, muss ausgeschlossen werden. An anderer Stelle müsste man der Frage nachgehen, warum Luise Hess, wenn sie schon abgabenpflichtig war, nicht in den Hasenpoth-Bänden der „Kurländischen Seelenrevisionen“ erfasst zu sein scheint. Es fällt auf, dass Luise Hess für eine Reise durch „verschiedene Städte und Ortschaften des Russischen Reichs“ ein Visum brauchte, wobei daran zu denken ist, dass sie sicher auch außerhalb der drei Ostseeprovinzen zu reisen gedachte und vielleicht auch daran, dass sie allein und als unverheiratete Frau eine auch in entfernte Regionen des Reiches führende Reise von einem Jahr vorhatte.

Dorothee M. Goeze