Breslauer Schöffenurkunden – auch ein Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr

Breslauer Schöffenurkunde von 1465 (Sign. DSHI 010 Urkunden 40)

Die Dokumentesammlung des Herder-Instituts in Marburg ist das größte Archiv zur baltischen Geschichte in den deutschsprachigen Ländern. Und doch gibt es aus der Zeit vor diesem klaren Sammlungs- und Arbeitsauftrag einige „Non-Baltica“. Dazu zählen 19 Schöffenurkunden aus Breslau aus der Zeit von 1465 bis 1613, die von der Forschung noch kaum genutzt wurden und an die deshalb in diesem Jahr, da Breslau Kulturhauptstadt Europas ist, kurz erinnert werden soll.

Das Herder-Institut konnte 1977 und 1978 insgesamt 19 Urkunden ankaufen, die von Frau Toni Rosengarten aus Los Angeles angeboten worden waren. Toni Rosengarten entstammte einer bekannten jüdischen Familie aus Breslau, die Deutschland noch rechtzeitig verlassen konnte, bevor die nationalsozialistischen Repressionen und Verfolgungen die jüdische Bevölkerung auch in Schlesien trafen. Die Familie verließ Deutschland und emigrierte in die USA; und dies geschah so rechtzeitig, daß sie noch einen großen Teil der beweglichen Habe mitnehmen konnte. Bezeichnenderweise waren es vor allem Kulturgüter, die helfen konnten, den Angehörigen der Familie die geistige Verbindung zum deutschen Kulturerbe auch in der Ferne zu bewahren: Bücher, Handschriften und Urkunden, die die Verbindung insbesondere zur Vaterstadt Breslau geradezu materiell greifbar erhalten sollten.

Toni Rosengarten war der Überzeugung, daß viele dieser Materialien wieder nach Deutschland zurückkehren sollten, weil sie hier langfristig besser genutzt werden könnten. Sie wandte sich in dieser Sache 1976 an eine Freundin aus Breslauer Tagen, die mittlerweile in Nürnberg wohnte. Diese befragte den ihr bekannten ehemaligen Direktor des Staatsarchivs Nürnberg, Dr. Fritz Schnelbögl (1905-1977), wohin man sich in der Bundesrepublik Deutschland insbesondere der Breslauer Urkunden wegen wenden könne. Schnelbögl stellte die Verbindung zum Herder-Institut in Marburg her. Der Ankauf der Urkunden konnte dann rasch abgewickelt werden.

Schöffenurkunden sind vom Hohen Mittelalter bis weit in die Frühe Neuzeit in den meisten Städten anzutreffen. Schöffen waren Gerichtsbeisitzer, die an der Rechtsfindung teilnahmen, ihre Aufgaben und Mitwirkungsmöglichkeiten veränderten sich nicht nur im Laufe der Geschichte, sondern fanden in den unterschiedlichen Stadtrechtslandschaften auch unterschiedliche Ausprägung. Es ging um Entscheidungen in zivilrechtlichen Streitigkeiten, oftmals aber auch um die „Beglaubigung von Kauf-, Pfand- und Tauschgeschäften, die Beurkundung von Testamenten und Schulderklärungen“ (Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Bd. 4 (1990), Sp. 1463-1478). Schöffengerichte, Schöffenstühle besaßen im Bereich der Stadtgründungen in Mittel- und Ostdeutschland (deutsche Ostkolonisation) besondere Bedeutung.

Es versteht sich fast von selbst, daß jede dieser Urkunden auch eine wichtige Quelle zur Personenkunde ist, zu den Inhabern bestimmter Ämter in einer Stadt und also zu deren Sozial- und Rechtsgeschichte.

Möge das für Breslau besondere Jahr 2016 auch dazu führen, sich neu mit den Quellen zu seiner Geschichte zu beschäftigen, also auch mit den Breslauer Schöffenurkunden in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts.

Peter Wörster