Ein „normales“ deutschbaltisches Schicksal im 20. Jahrhundert - Zum 50. Todestag von Wilhelmine (Helmi) Kurtze aus Libau

Porträt Wilhelmine Kurtzes (ca. 1960) (Archivsign.: DSHI_100_Kurtze_1)
„Rückkehrerausweis“ für Wilhelmine Kurtze, Posen, Jan. 1940 (Archivsign.: DSHI_100_Kurtze_3)

Es sind nicht nur die allgemein bekannten, die „prominenten“, die „großen“ Namen, derer wir gedenken sollten, um das Schicksal von Menschen, Einzelpersonen oder Gruppen, im 20. Jahrhundert kennen und verstehen zu lernen. Das gilt auch für die Deutschbalten. Aus diesem Grunde möchten wir 2016 an den 50. Todestag von Wilhelmine Kurtze erinnern, die 1894 in der kurländischen Hafenstadt Libau (lettisch: Liepāja) geboren wurde und die 1966 im hessischen Kassel gestorben ist. In ihrem und im Leben ihrer Angehörigen spiegeln sich die tragischen Ereignisse, denen die baltischen Deutschen im 20. Jahrhundert ausgeliefert waren, zugleich auch das Schicksal ihrer baltischen Heimatländer allgemein. Dass darüber hier geschrieben werden kann, ist der Baltischen Historischen Kommission (Göttingen) zu danken, die den kleinen Nachlass von Wilhelmine Kurtze nach ihrem Tod übernommen und als Depositum der DSHI, der Dokumentesammlung Herder-Institut, übergeben hat, wo er der Forschung zur Verfügung steht (DSHI 100 Kurtze 1-4).

Wilhelmine Kurtze wurde am 22.7.1894 als Deutsche und russische Untertanin, wie sie in ihren Erinnerungen extra hervorhebt, geboren und starb am 11.2.1966. Nach Privatunterricht und nach dem Besuch der seit 1905 wieder erlaubten Deutschen Höheren Mädchenschule in Libau machte sie 1911 die Hauslehrerinnenprüfung und ging im Herbst 1912 nach Petersburg, wo sie die Hochschulreife erwarb und bis 1917 Germanistik an der dortigen Frauenhochschule (Univ.) studierte, 1918/19, also noch in der Zeit der deutschen Besetzung, unterrichtete sie in Libau, ging 1919 nach Greifswald zum Abschluss ihres Studiums und zum Erwerb des Doktorgrades. Nach der Rückkehr in die Heimat unterrichtete sie – nunmehr als lettische Staatsangehörige – 1921-1925 wiederum in Libau in einer deutschen Schule, 1926-1939 war sie am Deutschen Pädagogischen Institut in Riga als Leiterin der Ausbildung von deutschen Volksschullehrern tätig. 1939 schloss sie sich der Umsiedlung der Deutschbalten an und kam nach Posen, wo sie nach kurzer Tätigkeit als Aushilfslehrerin als Studienrätin an der Mädchenoberschule wirkte. Am Ende des Zweiten Weltkriegs floh sie nach Deutschenbora (Kr. Meißen) und arbeitete auch dort wieder im Schuldienst. Sie setzte allerdings ihre Flucht in den Westen Deutschlands fort und gelangte nach Kloster Haina (nördlich Marburg). Ihr Bemühen im Sept. 1945, bald wieder als Lehrerin arbeiten zu können, brachte ihr eine fast halbjährige Internierung in amerikanischen Gefängnissen und Lagern ein, weil man sie ihrer Berufsbezeichnung Studienrätin („Rat“) wegen verdächtigte, eine Funktion im NS-System gehabt zu haben. Später lebte und wirkte sie bis zu ihrem Tod in Kassel.

Ihr Bruder und ihre Schwägerin, die jüdischer Abstammung war, nahmen verständlicherweise an der Umsiedlung nicht teil. Beide wurden 1941 vor Ankunft der deutschen Truppen aus Riga nach Sibirien deportiert, wo der Bruder verstarb. Als es Deportierten in der Sowjetzeit möglich war, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, zog die Schwägerin mit der Tochter – wohl 1959 – nach Riga zurück, von wo sie die Ausreise nach Israel erreichte.

Der Nachlass von Wilhelmine Kurtze enthält Erinnerungen mit Ahnentafel und Fotos, das Manuskript „Drei Kriege in unserem Leben“, Fotos von Haina, Personalpapiere sowie das Manuskript „Mein Bildungs- und Berufsweg“ (bis zur Petersburger Studienzeit). Hinzu kommen Korrespondenzen mit der Schwägerin in Sibirien 1955-1959 und Fotos.

[vgl. WILHELMINE KURTZE: Erste Jahre in Posen, in: Jb. des baltischen Deutschtums, Bd. 37 (1990), S. 105-111]

Peter Wörster