„Wilno – eine Perle in dem ruhmreichen Königreich Polen“ (1915)

„An die Einwohnerschaft von Wilno“ 1915 (Archivsignatur: DSHI 140 Balt 693)
„An die Einwohnerschaft von Wilno“ 1915 Archivsignatur: DSHI 140 Balt 693)

In diesen Jahren gedenkt man in besonderer Weise den Ereignissen „vor 100 Jahren“, die also im Ersten Weltkrieg geschahen. Meist stehen dabei solche vom westlichen Kriegsschauplatz im Vordergrund. Hier geht es um den östlichen Kriegsschauplatz.

Nach den für die deutschen Truppen siegreichen Schlachten gegen die russische Armee in Ostpreußen (Tannenberg und Masurische Seen 1914, Winterschlacht in Masuren Februar 1915) besetzten deutsche Truppen 1915 das gesamte litauische Siedlungsgebiet, das mit den Gouvernements Kowno und Wilna zum Russischen Reich gehörte. Am 18. Sept. 1915 wurde die Stadt Wilna eingenommen. Noch am gleichen Tag richtete der Kommandeur der Wilna einnehmenden deutschen Brigade Oberst Traugott Graf von Pfeil eine Proklamation „An die Einwohnerschaft von Wilno“. Er tat dies mit einem Flugblatt bzw. Plakat für einen öffentlichen Aushang in Deutsch, Polnisch und Russisch.

Das in der DSHI, der Dokumentesammlung des Herder-Instituts, vorhandene Exemplar wurde 1955 aus Privatbesitz angekauft. Es hat die Maße 44 cm x 70 cm.

In der Literatur gilt diese Proklamation zu Recht als Bespiel für ein interessantes, geschicktes Werben der sich gerade einrichtenden deutschen Besatzungsverwaltung um die Gunst der polnischen Stadtbevölkerung mit Hinweis auch auf die russischen Untaten:

„Deutsche Streitkräfte haben das russische Heer aus dem Bereich der polnischen Stadt Wilno vertrieben und haben mit Theilen Einzug gehalten in die ehrwürdige, ueberlieferungsreiche Stadt Wilno. Sie war immer eine Perle in dem ruhmreichen Königreich Polen. Dieses Reich ist der deutschen Nation befreundet. Das deutsche Heer hat warmes Mitgefühl mit der auf so harte Proben gestellten Bevölkerung Polens.“

Folgende Sachverhalte erscheinen bemerkenswert:

  • die Verwendung der polnischen Namensform „Wilno“ auch im deutschen und russischen Text, statt der im Deutschen und Russischen üblichen Form „Wilna“,
  • die Wahrnehmung der Stadt Wilna als polnische Stadt, die sie ja auch der Bevölkerungsmehrheit nach war,
  • die Zurechnung der Stadt Wilna zum „Königreich Polen“, eine Terminologie, die in einem sehr allgemein kulturgeschichtlichen Sinne, nicht aber in einem staatsrechtlichen Sinne zutreffend war, in einer zukunftsorientierten Perspektive aber sogar politischen Sprengstoff bergen konnte,
  • das Verständnis des deutschen Kommandeurs, daß dieses wie immer gemeinte Königreich Polen „der deutschen Nation befreundet“ gewesen sei.

Von den polnisch-litauischen Auseinandersetzungen um Stadt und Gebiet Wilna, die ab 1916 offen hervortraten, ist in diesem September 1915 noch keine Rede. Und da Wilna erst einmal Hauptstadt des deutschen Verwaltungsbezirks OberOst wurde, stellte sich die Frage einer Zugehörigkeit zu einem wie auch immer gestalteten Königreich Polen noch nicht. Das änderte sich erst mit der Proklamation eines Königreich Polen unter Leitung der Mittelmächte im November 1916, zu dem Wilna nicht gehören sollte.

Traugott Graf von Pfeil und Klein Ellguth war Kgl. Sächsischer Oberst und entstammte einer bekannten schlesischen Adelsfamilie. Er wurde am 5. September 1869 in Neurode (Schlesien) geboren. Er starb am 26. Mai 1920.

Weitere Studien könnten Hintergründe erhellen, wie es zu dieser positiven Einstellung des Gafen Pfeil Polen gegenüber gekommen ist, wenn wir nicht einfach eine geschickte Propaganda unterstellen wollen. Interessant erscheint die Frage, ob Graf Pfeil den Text selbst verfaßt oder doch inspiriert hat. Wenn ja, wäre zu prüfen, ob familiäre Tradition, Bildungserlebnisse bzw. Reisen oder ganz einfach Begegnungen mit Polen seine Überzeugungen prägten. Wenn nein, wäre nach Ratgebern in seinem Stabe zu fragen.

Peter Wörster