Fünf Nachlässe aus der Familie von Hollander (Riga)

Das Wappen der Familie von Hollander, verliehen bei der Erhebung in den Adelsstand 1788 durch Kaiser Joseph II. (nach d. Abb. in: DSHI 100 Hollander, Herbert 1).

Die DSHI (Dokumentesammlung des Herder-Instituts) ist das größte und wichtigste Archiv zur baltischen Geschichte in den deutschsprachigen Ländern. Es ist ein „Sammlungsarchiv“ mit den für ein solches charakteristischen Möglichkeiten und Einschränkungen.

Zu den Möglichkeiten zählt, daß hier um einen thematischen Kern herum systematisch gesammelt werden kann, wodurch sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte eine für die Forschung sehr nützliche Konzentration von inhaltlich zusammengehörenden archivischen Beständen ergibt. Dieses Phänomen ist in der Dokumentesammlung häufig anzutreffen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit:

Die DSHI konnte in diesen Wochen den fünften Nachlaß eines Angehörigen der Familie von Hollander aus Riga erwerben. Diese Familie war mit der Geschichte und Kultur Rigas und Livlands auf das engste verbunden.

Als ältester der fünf Persönlichkeiten ist der Pädagoge ALBERT VON HOLLANDER zu nennen, der 1796 in Riga geboren wurde und 1868 in Birkenruh nahe Wenden starb. Nach Studien in Dorpat, Jena und Berlin gründete er 1825 die ein Jahr später nach Birkenruh verlegte Knabenanstalt, die er bis 1861 leitete und die 1882 in ein Landesgymnasium der Livländischen Ritterschaft umgewandelt wurde. Der Nachlaß wurde 1957 von Nachkommen der Familie Löffler übergeben, die ebenfalls zu den Birkenruher Pädagogengeschlechtern gehörte und in die Familie Hollander eingeheiratet hatte.

Neben dem Gründer der Lehranstalt Birkenruh ist der Pädagoge und Historiker BERNHARD VON HOLLANDER zu erwähnen, der 1856 in Riga geboren wurde und 1937 dort verstarb. Sein Vater war der Bürgermeister von Riga Eduard von Hollander (1820-1897), der ein Neffe Alberts, des Gründers von Birkenruh, war. Bernhard hatte in Dorpat studiert, war anschließend Lehrer für Geschichte, Geographie und Religion an der Stadtrealschule in Riga, Dozent für Handelsgeographie am dortigen Polytechnikum, später Direktor der Albert-Schule und Direktor des Stadtgymnasiums. Zu erwähnen ist sein Wirken für die Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde Riga, deren Präsident er 1902-1909 war. Der Nachlaß wurde 1968 von der Baltischen Historischen Kommission übergeben. Er enthält u.a. das Manuskript zu seinem posthum veröffentlichten Hauptwerk, der Geschichte der Domschule in Riga.

Die hier in der chronologischen Abfolge an dritter Stelle zu nennende Persönlichkeit ist PAUL VON HOLLANDER, der 1865 als Sohn von Gustav von Hollander und Enkelsohn von Albert, des Gründers von Birkenruh, in Riga geboren wurde und 1937 in Mannheim verstarb. Paul von Hollander hatte in Dorpat Medizin studiert, die dortige Universität allerdings im Zuge der Russifizierung 1889 verlassen, um sein Studium in Königsberg/Pr. mit der Promotion zum Dr. med. abzuschließen. Später war er in Fulda im Krankenhaus und in Mannheim als niedergelassener Arzt tätig. Der Nachlaß wurde im Juli 2015 von seiner Enkeltochter übergeben.

Die vierte Persönlichkeit ist die deutschbaltische Historikerin HERTA V. RAMM-HELMSING, die 1900 in Riga geboren wurde und 1987 in Hamburg verstarb. Ihre Eltern waren der Arzt Leonhard Helmsing und Fanny von Hollander. Ihr Urgroßvater war Albert, der Gründer von Birkenruh. Bernhard war ein Vetter zweiten Grades ihrer Mutter. Dem mütterlichen Erbe verdankte Herta v. Ramm-Helmsing das leidenschaftliche Interesse an Geschichte. Sie war eine bedeutende Forscherpersönlichkeit auf dem Gebiet der baltischen Geschichte, wobei sie sich insbesondere und als erste intensiv mit den livländisch-polnischen Beziehungen im 16. und 17. Jahrhundert beschäftigte (vgl. Peter Wörster in: Jahrbuch des baltischen Deutschtums, 58. Jg., 2001, S. 35-41). Der Nachlaß wurde bald nach ihrem Tod von der Familie übergeben.

Als fünfte Persönlichkeit ist HERBERT VON HOLLANDER zu nennen, der 1913 in Zawiercie, Wojewodschaft Kielce, damals also russisches Polen, geboren wurde und 1980 in Lüneburg verstarb. Sein Großvater war Johann Heinrich von Hollander (1830-1888), ein Sohn des Gründers von Birkenruh. Herbert studierte in Posen und Lemberg, später in Eberswalde Forstwirtschaft. Als Forstbeamter wirkte er in Oberschlesien, nach dem Zweiten Weltkrieg in Niedersachsen, wo er 1978 in Lüneburg als Forstdirektor in den Ruhestand ging. Die Familie übergab den Nachlaß bereits 1981.

Ohne Zweifel ergab sich für die DSHI ein „Synergieeffekt“ dadurch, daß Angehörige der verschiedenen Zweige der Familie von Hollander im Austausch standen, was die Abgabe der Nachlässe an die Dokumentesammlung des Herder-Instituts wesentlich bestimmte.

Peter Wörster