Befreiung eines Bauern – vor der „Bauernbefreiung“

Eine Urkunde von 1760 erzählt ein wichtiges Kapitel baltischer Sozialgeschichte

DSHI 190 Kurland XIV, 4 (1760)

Die breite Masse der bäuerlichen Bevölkerung in den Ostseeprovinzen des Russischen Reiches war im 18. Jh. im Stande der Rechtlosigkeit, wenn ihre Umstände auch günstiger als im eigentlichen Russland waren. Als erster deutscher Gutsherr im Baltikum, der seine Bauern im 18. Jh. rechtlich besserstellte, gilt der livländische Landrat Carl Friedrich v. Schoultz-Ascheraden (1720-1782). Er veröffentlichte 1764 in lettischer Sprache das „Ascheradensche und Langholmsche Bauerrecht“ und wandelte damit die Leibeigenschaft auf seinen Gütern in eine rechtlich definierte Form der Schollenpflichtigkeit um. Ähnliche private Bauerrechte folgten in Kurland und in Estland.

Unter dem Einfluss der Aufklärungsideen kam es im späten 18. Jh. zu Reformbestrebungen, die unter Kaiser Alexander I. von Regierungsseite gefördert wurden.

Der Estländische Landtag vom Juni 1802 verabschiedete die erste allgemeine Bauerverordnung, die Alexander I. im Sept. 1802 bestätigte, der auch zu Protokoll gab, dass die Ritterschaft dies „aus eigenem Antrieb und freiwillig“ beschlossen habe. Das entsprechende Gesetz – auch auf Estnisch verfasst – trat 1804 in Kraft. Es brachte eine Normierung der bäuerlichen Pflichten und verordnete, dass die Bauern nicht mehr als Sache zu behandeln seien. Bereits 1811 beschloss der Estländische Landtag die Vorbereitung eines weitergehenden Gesetzes über die Aufhebung der Leibeigenschaft und der Schollenpflicht, woran aber erst nach dem Ende der Napoleonischen Kriege 1813 gearbeitet werden konnte.

Zwischen 1816 und 1818 traten mit kaiserlicher Bestätigung in den drei Ostseeprovinzen die Gesetze über die Bauernbefreiung in Kraft. Diese Befreiung erfolgte damit hier mehrere Jahrzehnte früher als in Russland (1861). Sie gehören also in die gleiche Epoche wie das entsprechende Gesetz in Preußen (1807), worauf Reinhard Wittram zurecht in seiner „Baltischen Geschichte“ (S. 161) hingewiesen hat.

In der Brieflade des Gutes Zierau [Zirau, lett. Cīrava] bei Hasenpoth [lett. Aizpute] in Kurland hat sich eine Urkunde von Juliana Eleonora, geb. v. Bülow (1714-1782), erhalten. Diese Urkunde wurde in Zierau am 2. August 1760 ausgestellt und betrifft die Befreiung einer bäuerlichen Familie aus der Leibeigenschaft, die im Gutsbezirk Zierau lebte und für die Familie v. Behr tätig war. Der hier beurkundete Rechtsakt zeigt, dass der Grundherr von sich aus „Erbuntertanen“ aus der Leibeigenschaft entlassen konnte und dass manche von diesem Recht auch wirklich Gebrauch machten.

Juliana Eleonora war seit 1735 mit Ewald v. Behr verheiratet, der, 1712 geboren, bereits 1750 verstorben war. Der Ehe entstammten sechs Kinder, von denen aber vier im Kindes- oder Jugendalter verstarben.

Juliana Eleonora v. Behr schenkt dem bisher leibeigenen Hans Sonn, seiner Familie und seinen Nachkommen die Entlassung aus der Leibeigenschaft. Außerdem regelt sie in großzügiger Weise die Frage des Besitzes seines Gesindehofes. Hans Sonn wird „wohlbedächtig“ wirtschaftlich abgesichert. Wenn lebenswichtiges Wirtschaftsgut (Heu, Bau- und Brennholz) nicht reicht, kann er darum beim Gut nachsuchen. Juliana Eleonora v. Behr tut das wegen der von Hans Sonn „dem Zierauschen Hauße und insbesondere Mir geleisteten treuen Dienste“. Er und seine Familie werden „gänzlich entlassen“ und damit „zu freien Leuten“ erklärt. Die Erben der Gutsbesitzerin sind nicht berechtigt, das in irgendeiner Weise rückgängig zu machen. An anderer Stelle als in diesem naturgemäß kurzen „Archivale des Monats“ ist der Frage nachzugehen, welche persönliche Motivation bei Juliana Eleonora v. Behr und ihren Erben ausschlaggebend war und vor welchem Hintergrund diese Entlassung aus der Leibeigenschaft und der wirtschaftlichen Absicherung geschah.

Der Text der Urkunde lautet im Auszug:

„Kund und zu wissen sey hiermit jedermänniglich […], daß Ich, Juliana Eleonora, verwitwete Behr, geborene Bülow, in Assistence für mich, meine Erben und Erbnehmen, meinen Zierauschen Erb-Unterthanen Hans Sonn wegen seiner lange Jahre her dem Zierauschen Hauße und insbesondere Mir geleisteten treuen Dienste, sein Weib und alle seine Kinder, auch derselben Nachkommen, aus Gnaden der Leibeigenschafft gäntzlich entlaße, zu freyen Leuthen dergestalt hiermit mache und selbige dafür wohlbedächtig erkläre, daß weder ich noch meine Erben und Erbnehmen , niemahlen das geringste Recht der Leibeigenschafft an dem Hans Sonn, seinem Weibe, Kindern und Nachkommen zu fordern haben sollen. So gebe ich auch in obiger Assistence für mich, meine Erben und Erbnehmen dem Hans Sonn und allen seinen ehelich gebohrenen Männlichen Leibes-Erben wegen seiner treuen Dienste die im Zierauschen gelegene Loepen Gelegenheit, mit denen darzu gehörigen Feldern und Heuschlägen mit dem nothdürftigen Bau- und Brennholtz, so auf Ansuchen der Hof Zierau anweisen laßen wird, wie ich solche Gelegenheit, nach dem in  dem heutigen Dato aufgenommenen Inventario, ihm habe übergeben lassen. […] “

Die Rechtsgültigkeit bestätigen durch Unterschrift und Siegel

Herman Friedrich Behr, Ernestus de Derschow, Christopher Friederich Fircks, Eberhard Christoph Philipp Hahn.

 

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster