Möge es der Gelehrten Estnischen Gesellschaft vergönnt sein, ihren Zielen nachzuleben… Zum fünfzigjährigen Jubiläum der GEG 1888

Festgruß an die Gelehrte Estnische Gesellschaft (DSHI 100 Hollander_Paul_I_5l)

Am 18. Januar 1838 wurde in Dorpat (Tartu) die „Gelehrte Estnische Gesellschaft“ (Õpetatud Eesti Selts) gegründet. Die Initiatoren dieser GEG abgekürzt genannten Gesellschaft waren Friedrich Georg v. Bunge, Alexander Friedrich v. Hueck, Friedrich Karl Hermann Kruse, Friedrich Robert Faehlmann und Dietrich Heinrich Jürgensohn (vgl. www.ut.ee/OES).

Am 17. Januar 1834, also fast genau vier Jahre zuvor, konstituierte sich der „Verein für mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde“ in Schwerin. Federführend waren hier die Friedrich Lisch und Albrecht Barsch (vgl. www.geschichtsverein-mecklenburg.de).

Beide Gründungen von Gesellschaften, die in ihren Namen die Begriffe „Gelehrt“ oder aber auch „Kunde“ führen, sind Kinder ihrer Zeit: Anfang des 19. Jh. kam es zu vielen Zusammenschlüssen von Menschen, die sich den „Altertümern“, der Geschichte, der Kultur und der Landeskunde meist ihrer eigenen Region widmen wollten. Für das Baltikum stehen hier die großen Vereinigungen wie die Kurländische Gesellschaft für Literatur und Kunst zu Mitau (Jelgava) 1815, die Gründung des Provinzialmuseums 1818 in Mitau, die Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde Riga 1834 oder auch die Estländische Literärische Gesellschaft in Reval (Tallinn) 1842.

Der Verein für Mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde wie auch die Gelehrte Estnische Gesellschaft, konnten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bald an die 300 Mitglieder zählen.
Beide Vereinigungen wollten, wie viele ihrer vergleichbaren Institutionen, Wissen sammeln, aufbewahren und diese Kenntnisse auch vermitteln. So waren diese Vereine und Vereinigungen der Motor von Kultur- und Wissenstransfer, z.B. in Publikationen. Neben der bekannten Wochenzeitschrift „Das Inland“, gegründet 1836, stehen da die Publikationen der Gesellschaften, wie die Verhandlungen und  Sitzungsberichte der Gelehrten Estnischen Gesellschaft. Deren Ziel war klar definiert: es war„,… die Erkundung der Geschichte, Sprache und Literatur umfassend zu organisieren, nun jedoch konzentriert auf das estnische Volk.“ (Klaus Garber: Schatzhäuser des Geistes,  2007, S. 142). Die bekannteste und kulturgeschichtlich bedeutendste Aktivität der Gelehrten Estnischen Gesellschaft ist selbstredend die Herausgabe des „Kalevipoeg“, des Nationalepos der Esten, in einer zweisprachigen, deutsch-estnischen, Ausgabe in den 1850er Jahren.

Zum 50jährigen Jubiläum der GEG schreibt Friedrich Amelung (1842-1909), selbst korrespondierendes Mitglied, noch einmal über den Zweck der Gesellschaft. Die Diskussion betraf die Frage, ob wohl der Name der Gesellschaft in „Baltische Alterthumforschende Gesellschaft zu Dorpat“ geändert werden müsse:

„Da jedoch aus dem Rückblick auf die Geschichte der Gesellschaft sich ergiebt, dass dieselbe die Baltische Heimathskunde nach jeglicher Richtung vertreten und gefördert, so erscheint dieser Wunsch [nach Umbenennung] als ein überflüssiger und ist also die Umbennung unserer Gesellschaft eine unnöthige Sache. Indem wir fortfahren, unsere statutenmässigen Aufgaben zu bearbeiten, brauchen wir nicht die jetzige Benennung „Gelehrte Estnische Gesellschaft“ deshalb aufzugeben, weil dieselbe zu dem Missverständniss führen kann, als wären die Mitglieder ausschliesslich Esten oder als ob wir uns nur mit estnischen Dingen beschäftigten. Unsere Statuten geben uns ja an die Hand, dass wir eine gelehrte Gesellschaft sind, welche den Zweck hat, die Kenntniss der Vorzeit und Gegenwart des estnischen Volkes, seiner Sprache und Literaturen und des von ihm bewohnten Landes zu fördern.„ (Fest-Album der Gelehrten Estnischen Gesellschaft zu deren Fünfzigjährigem Jubiläum. Der Gelehrten Estnischen Gesellschaft in Ehrfurcht und Liebe dargebracht am 18. Januar 1888 von ihrem Mitgliede Friedrich Amelung, Dorpat 1888, S. 8).

Den gelehrten Gesellschaften oder Vereinen, zwei sind in unsererem Archivale vereint, ging es um die Vermehrung des Wissens für sich selbst und für ihr Land, und genauso um die Vermittlung von Wissen. Sieht man die schriftlichen Veröffentlichungen, seien es Protokolle, Sitzungsberichte oder Jahrbücher, hat sich auch in deren Austausch dadurch ein enges Netz an Informationen über die jeweiligen Regionen in Europa gebildet. Geradezu imposant ist das Verzeichnis der „gelehrten Vereine, Redactionen u.s.w., welche mit der Gelehrten estnischen Gesellschaft einen Schriftenaustausch unterhalten“ (vgl. Sitzungsberichte der Gelehrten estnischen Gesellschaft zu Dorpat 1888, Dorpat 1889, S.274f.): im In- und Ausland waren dies 156 Tauschpartner.

Überliefert ist diese Schweriner Grußbotschaft zum 50. Jubiläum der GEG im Nachlass Paul von Hollanders. Er ist ist im Sitzungsbericht der GEG 1888 als ‚stud.med.‘ genannt. (Vgl. hierzu das Archivale des Monats September 2015).

Der Wunsch der Schweriner Gesellschaft für die Kollegen in Dorpat lautete 1888 insgesamt: „Möge es der Gelehrten Estnischen Gesellschaft auch fernerhin auf lange Jahre hinaus vergönnt sein, ihren Zielen nachzuleben und nachzustreben, und möge gleich lange auch unserem Vereine Ihr[sic] durch den Austausch bethätigtes Wohlwollen unentwegt erhalten bleiben.“

Beide Vereinigungen hatten Mitte des 20. Jhs. ein gemeinsames Schicksal: Sie wurden zwangsaufgelöst, doch wurden, nach Ende des Sowjetsystems, 1988 die Gelehrte Estnische Gesellschaft und 1991 der Verein für mecklenburgische Geschichte und Alterumskunde wiederbegründet.

Dorothee M. Goeze