Familiengeschichte – Gutsgeschichte – Sozialgeschichte

Erbschaftssachen der baltischen Adelsfamilie v. Lilienfeld 1795-1843

Seite aus dem Vertrag (1795) mit Unterschriften und Siegeln der Erben. (Archivsign.: DSHI 140 Balt 676, Bl. 10v)

Zu den kleinen Neuerwerbungen der DSHI in den letzten Wochen gehören vier Dokumente aus der Geschichte der Familie v. Lilienfeld, die auf dem Gebiet des heutigen Estland, d.h. in den ehemaligen russischen Gouvernements Estland und Livland, ansässig und besitzlich war.
Es handelt sich um vier Dokumente in Erbschaftsangelegenheiten aus den Jahren 1795, 1831 (zweimal) und 1843, von denen drei die Nachlasssache des 1827 verstorbenen Kammerherrn Carl Otto v. Lilienfeld, eines die Regelung der Erbschaft nach dem Tode seiner Eltern (1795) betrafen, als Carl Otto einer von insgesamt sechs Erben war.

1. Dokument 1795

„Erbteilungs-Vergleich“ nach dem Tod des Landrats Heinrich Otto v. L. (gest. 1779) und seiner Frau Catharina Charlotte, geb. v. Smitten. Es geht um die Güter Parrasmetz (estn. Parasmetsa) im Kreis Arensburg (e. Kuressaare) auf der Insel Ösel (e. Saaremaa) und Oidenorm (e. Oidrema) und Waist (e. Vaiste) im Kreis Hapsal (e. Haapsalu). Ausführlich wird beschrieben, was die einzelnen Erben erhalten. Im Text wird angegeben, daß sich die Erben am 23. Februar 1795 bei einem Treffen auf dem Gut Oidenorm auf den Erbschaftsvergleich geeinigt hätten. Am 9.März 1795 attestierte das Kreisgericht in Hapsal die Unterschriften und Siegel als ordnungsgemäß von den berechtigten Personen geleistet. Am 11. Mai 1795 wurde das Ganze in Reval (Tallinn) im Gerichtshof der Zivil-Rechtssachen in die Grundbuchakte („Krepost-Expedition“) eingeschrieben. Aus diesem Dokument stammt nebenstehende Abb.

2. Dokument, 1831, 11. Februar

Da der am 15. Mai 1827 auf seinem Gut Podis (e. Pootsi, Gouv. Livland) verstorbene Kammerherr Carl Otto v. L. sowohl in Livland wie in Estland Eigentum besaß, gibt es über die Erbschaftsregelung zwei Dokumente, eines für jedes Gouvernement. Am 11. Februar 1831 trafen sich seine Erben und einigten sich auf die Einzelheiten der Aufteilung des Erbes in Estland, zu dem vor allem die im Kreis Harrien (e. Harjumaa) gelegenen Güter Essemäggi (e. Ääsmäe, Kirchspiel Kegel, e. Keila) und Kedenpäh (e. Keava, Kirchspiel Rappel, e. Rapla) gehörten. Der Erbschaftsvergleich ist datiert zu Reval, den 11. Februar 1831.

3. Dokument, 1831, 26. März 1831

Das zweite Dokument in der Erbschaftssache Carl Otto v. L. regelt das Erbe der Besitzungen in Livland. Daß es trotzdem in Reval ausgestellt ist, bedarf der hier noch nicht möglichen Erklärung. Insgesamt sind fünf Erben benannt. Im Mittelpunkt steht das Gut Podis im Kirchspiel Testama (e. Tõstamaa), Kreis Pernau (e. Pärnu). Podis war mit einem veranschlagten Wert von 160.000 Rubel das größte der zu vererbenden Güter Carl Ottos.
Hervorzuheben sind folgende Punkte:
Die Erben wollen das Gut zunächst gemeinsam bewirtschaften, „bis sich ein annehmlicher Liebhaber findet, der das Gut und Inventarium für den einstweilen bestimmten Wert […] erstehen würde“.
Die Erben akzeptieren die nur mündlich überlieferten Verfügungen des Erblassers, die er neun Tage vor seinem Tod zum Vorteil „ihm lieb und werther Personen“ getroffen hat.
Es werden auch estnische Bedienstete bedacht, ein Heinrich und seine Tochter Reet, und die Kirche in Testama. Die besondere Fürsorge des Gutsherrn gegenüber den Bauernfamilien auf seinen Gütern kommt durch folgende Regelung zum Ausdruck: „Allen seinen Bauern auf den drey Gütern [also auch denen in Estland] schenkt der Verstorbene die im Sterbejahr zu entrichtende Korn- und übrige Gerechtigkeit wie auch die Kopfsteuer, wo sie nehmlich von den Bauern [selbst] gezahlt wird.“

4. Dokument 1843

Dieser Vergleich, ausgefertigt zu Reval, den 8. Juli 1843, beendet die Erbauseinandersetzung zwischen Friederike v. L., geb. v. Lilienfeld, mit ihrem Sohn Fromhold v. L., geb. 25. März 1830, bezgl. des von ihrem verstorbenen Mann Major Fromhold v. L. hinterlassenen Vermögens. Zunächst werden alle Activa, die mobilen und die immobilen Teile seines Vermögens, genauestens verzeichnet. Zu diesen gehören auch die dem Major Fromhold v. L. nach dem Tod seines Bruders Carl Otto zugefallenen Teile aus dessen Erbe. Sodann folgen die Passiva, die Ausgaben, die zunächst aus dem Vermögen des Verstorbenen beglichen werden müssen. Neben der Bezahlung noch vorhandener Schulden gehören dazu die Summe der Gerichtskosten für die Erbschaftssachen sowie die Kosten für den Grabstein. Daß hier auch die Vermögenswerte aus der Erbschaft Carl Ottos besonders erwähnt werden, bildet die innere Klammer der vier hier vorgestellten Dokumente.

Zusammenfassung

Die Dokumente betreffen zunächst die Familie v. Lilienfeld im engeren Sinne. Wir erfahren Geburts- und Todesdaten, zahlreiche verwandtschaftliche Zusammenhänge inkl. Vormundschaftsregelungen und erhalten Informationen über Berufe und Stellungen.
Die Dokumente enthalten aber auch Angaben über die Geschichte einzelner Güter und deren Bewertung, über die Berücksichtigung der – im vorliegenden Falle – estnischen Bauern, ihr Schicksal und ihre nicht zuletzt rechtliche Stellung, wobei die Veränderungen zwischen 1795 und 1831 deutlich sichtbar werden (Bauernbefreiung in den Ostseeprovinzen 1817 ff.).
Erbschaftssachen geben zahlreiche Einblicke in Familiengeschichte, Rechtsgeschichte, Gutsgeschichte, Sozialgeschichte und Landesgeschichte. Möge dies die Nutzung der hier vorgestellten Quellen befördern.

Peter Wörster