Mitau / Jelgava und die Cholera 1831 - Der Arzt und Altertumsforscher Dr. Alexander Raphael

Signatur: DSHI 190 Kurland XI, 15
(Abb. mit frdl. Genehmigung des Eigentümers)

Stadtgeschichte hat immer den besonderen Charakter des Betrachtens einerseits eines relativ geschlossenen, andererseits eines durchaus außenwirksamen Standortes. So haben besonders Städte und Metropolen ihre Wirkung auf politische oder wirtschaftliche Ereignisse.  Das Baltikum weist nun eine recht geringe Dichte an Städten auf, jedoch – oder vielleicht sogar gerade deshalb – wird ihnen von Anfang der baltischen Geschichtsschreibung an eine bedeutende Stellung zuerkannt (vgl. Ziedonis Ligers: Geschichte der baltischen Städte, Bern 1948, S. 7f).
Umso wichtiger ist es, noch heute Informationen über diese Städte, ihre Geschichte und Entwicklungen zu haben. Diese Informationen erhält man selbstverständlich in den Stadtarchiven des Baltikums mit ihren reichlich überlieferten und erschlossenen Beständen. Daneben es gibt einige verstreute Überlieferungen zu Städten, die die Akten der städtischen Verwaltung ergänzen.
So sind auch in den Beständen der Dokumentesammlung des Herder-Instituts Einzelstücke erhalten, die für Beschreibung und Erläuterung Stadtgeschichte und -entwicklung aufschlussreich sind. So wie z.B. der hier gezeigte Stadtplan  von Mitau, der sich in der kleinen Sammlung von Landkarten der Kurländischen Ritterschaft befindet.
Dieser Plan der Stadt und Umgebung zeigt die im Sommer 1831 aufgetretenen Cholerafälle auf, „nach der von den Herren Landmessern der Krone gegebenen Grundlage und den Nachweisungen des Medicinal-Inspectors Dr. Bidder“. Gezeichnet und lithographiert ist der Plan von Dr. Alexander Raphael, dessen Name durch eine Beschädigung der Karte nicht zu lesen ist. Doch hat Raphael selbst über diesen Plan erzählt. Er war „Arzt und Altertumsforscher“ (DBBL, 1970, S. 602), ist 1866 in Mitau geboren und dort 1919 gestorben. Nach dem Medizinstudium in Dorpat war er kurz Leibarzt bei der Familie der Grafen Schuwalow, dann in verschiedenen Städten Kurlands als Arzt tätig. In seinem Beitrag „Die Cholera in Kurland“ in den Sitzungsberichten der Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst 1907, Mitau 1908 S. 53ff. ließ Raphael einen modifizierten Plan des hier gezeigten Originals (ca. 48x59 cm, mit Beschädigungen besonders am unteren Rand) abdrucken. Er selbst hat ihn bearbeitet; laut seiner Aussage gab es 1907 zwei Originale:  Eines besitze das Kurländische Landesarchiv, ein zweites er selbst. Im Original sind die einzelnen Hausnummern angegeben und dann für jedes der Häuser mit Choleraerkrankten das Alter der Erkrankten. In dem modifizierten Plan ist die Zahl durch unterschiedliche Einfärbungen der Häuser angezeigt. Wiedergegeben ist der (modifizierte) Plan auch in Karl-Otto Schlaus Buch über „Mitau im 19. Jahrhundert“, Wedemark-Elze, 1995, Nr. 50. Laut Schlau hat die Cholera in Mitau an die 500 Tote gefordert.
Der in Mitau geborene Raphael war generell an der Geschichte seiner Geburtsstadt und deren Erforschung interessiert: als ein Beispiel hierfür stehen die in den Sitzungsberichten, Mitau 1934, S. 1ff posthum veröffentlichten Aufzeichnungen über die Herzogsgruft im Schloss zu Mitau, versehen mit Abzeichnungen der Sarkophage und der auf ihnen befindlichen Inschriften. Raphael war bei einem Besuch der Gruft 1913 erschüttert über deren verwahrlosten Zustand: er war dann mit seinen Zeichnungen (als Bestandsaufnahme der Kulturgüter) an den ersten Arbeiten der geplanten Restaurierung der Gruft beteiligt. Fotos dieser Zeichnungen sind innerhalb der Sammlung Wolff im Bildarchiv des Herder-Instituts überliefert.
Dorothee M. Goeze