Eine Sterbekasse aus Mitau (Kurland) 1804

Druck aus der Bibliothek des Kurländischen Provinzialmuseums

Titelblatt des Drucks von 1804 (Archivsignatur: DSHI 140 Balt 679)

Zu den „kleinen Erwerbungen“ der DSHI, der Dokumentesammlung des Herder-Instituts, gehört das „Reglement zur Errichtung einer Todtenkasse für den Unterstützungsverein der Pauls-Bürger-Garde“, in Mitau am 1. Juni 1804 beschlossen. Am 25. August des gleichen Jahres unternahm es der „wortführende Bürgermeister“ der Stadt Mitau Herrmann Peter Rust, das Reglement „stadtobrigkeitlich zu confirmiren“. Damit trat es in Kraft.

Es handelt sich um einen Druck von 28 gezählten Seiten im Format 17 cm (Höhe) und 11,5 cm (Breite) mit einem zeitgenössisch dekorierten Papierumschlag. Dieses Exemplar stammt laut Besitzstempel und alter Signatur aus der Bibliothek des Kurländischen Provinzialmuseums in Mitau. Auch wenn dieser Druck in Estland und Lettland einige Male vorhanden ist, darf er doch insgesamt als Rarum oder gar Rarissimum gelten. In deutschen Bibliotheken und Archiven war bislang kein Exemplar nachzuweisen. Einstmals muß es durchaus zahlreiche Exemplare gegeben haben, denn der § 10 des „Reglements“ bestimmte, daß jedes neue Mitglied der Bürger-Garde ein Exemplar des Reglements käuflich erwerben mußte.

Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jhs. waren überall in Mitteuropa städtische Bürger-Garden als (para-)militärische Formationen entstanden. Sie hatten u.a. die Aufgabe, ihre Stadt im Kriegsfall zu verteidigen, bzw. die regulären Truppen zu unterstützen. Außerdem hatten sie vielfach polizeiliche Funktionen, an der Seite der obrigkeitlichen Gendarmerie die innere Ruhe und Ordnung einer Stadt zu schützen oder wiederherzustellen.

Über die Bürger-Garden in Mitau scheint nur wenig geforscht worden zu sein. Anzunehmen ist, daß Protokollbücher erhalten geblieben sind, die als wichtige archivische Quellen herangezogen werden können. Die in diesem Beitrag im Vordergrund stehende Garde muß schon in der Regierungszeit Herzog Peters (1769-1795) gegründet worden sein: Im vorliegenden „Reglement“ heißt es nämlich in § 23, daß Peter dem Verein einen „Kirchenbeschlag“ in der Trinitatiskirche zu Mitau bewilligt habe. Möglicherweise wurde die Garde nach dem Übergang an Rußland 1795 in der Regierungszeit Kaiser Pauls I. (1796-1801) erneuert, wodurch sich die Namengebung „Pauls-Bürger-Garde“ leicht erklären ließe. Als 1804 das „Reglement“ beschlossen wurde, unterzeichneten 51 Personen als „Stifter und Mitglieder des Vereins“. § 25 regelte, daß der Verein niemals aufgelöst werden dürfe, sofern noch mindestens 15 Personen als Mitglieder vorhanden seien. Auch in den Bürger-Garden anderer Städte waren in der Regel um 50 Mitglieder vorhanden.

Karl-Otto Schlau schreibt in seinem Buch „Mitau im 19. Jahrhundert“  
(Wedemark-Elze 1995, S. 270): „Der sozialen Absicherung dienten […]  
eine ganze Reihe von Sterbe-, Begräbnis- und Witwenkassen, die seit  
dem Ende des 18. Jahrhunderts meist von und für die Mitglieder der  
Zünfte oder anderer Personenverbände gegründet worden waren. Diese  
Kassen zahlten nach einem Gegenseitigkeitsprinzip beim Todesfall eines  
Mitglieds bestimmte Beiträge zu den Kosten der Beerdigung oder  
Unterstützungen an die Witwen und die Waisen. Die wichtigsten Kassen  
waren in der Reihenfolge ihres Gründungsjahrs: Witwen- und  
Waisenstiftung des Mitauer Gymnasiums (gegr. 1775), Sterbekasse des  
deutschen Schreineramtes zu Mitau (gegr. 1784), Sterbekasse des  
deutschen Schuhmacheramtes zu Mitau (gegr. 1793), Sterbekasse der  
Pauls-Bürgergarde zu Mitau (gegr. 1804).“ Bis 1888 wurden weitere 15  
solcher Kassen gegründet.

Peter Wörster