„Große Geschichte im kleinen Estland“ Estnisches Gedenken an den 200. Geburtstag Otto v. Bismarcks

Plakat zum Bismarck-Gedenken in Rayküll (Raikküla) (Archivsign.: DSHI 170 Plakate 1901), Zwei Blätter aus dem Nachlass Alfred von Hansen zu Rayküll (Archivsign.: DSHI 190 Estland 174_015_Rayküll_03)
Plakat zum Bismarck-Gedenken in Rayküll (Raikküla) (Archivsign.: DSHI 170 Plakate 1901), Zwei Blätter aus dem Nachlass Alfred von Hansen zu Rayküll (Archivsign.: DSHI 190 Estland 174_015_Rayküll_03)

Am 1. April 1815, also vor 200 Jahren, wurde Otto v. Bismarck, der spätere Reichskanzler, in Schönhausen an der Elbe geboren. Zu den Orten, an denen man dieses Jubiläums noch gedenkt, gehört das Gutshaus Rayküll (Raikküla) in Estland, Landkreis Rappel (Rapla), 54 km südlich Reval (Tallinn).
Rayküll gehörte bis 1919 der Familie v. Keyserling, mit der die Familie v. Bismarck freundschaftlich und später auch familiär verbunden war. Die Verbindung begann 1833 bis1835, als Otto v. Bismarck und der nur vier Monate jüngere Alexander v. Keyserling (1815-1891) gemeinsam in Berlin Jura studierten, und dauerte ein Leben lang, sicher deshalb, weil Keyserling zu den wenigen Menschen gehörte, die Bismarck seiner Auffassungen und Urteile wegen überaus schätzte. In der Zeit, da Bismarck von 1859 bis 1862 preußischer Gesandter in St. Petersburg war, besuchte er des öfteren seinen Studienfreund Keyserling auf Rayküll, wo dieser seit seiner Heirat mit Zenaida Gräfin Cancrin, der Erbin von Rayküll, lebte. Diese Besuche haben in Rayküll viele Spuren hinterlassen (u.a. die „Bismarck-Eiche“) bis hin zu Geschichten, die über den Aufenthalt Bismarcks immer wieder erzählt wurden.
Die freundschaftliche Verbindung zwischen beiden Familien wurde gekrönt durch die Heirat der Enkelkinder Goedela v. Bismarck und Hermann Graf Keyserling (1880-1946) im Februar 1919 in Friedrichsruh – wenige Monate vor der Enteignung von Rayküll infolge der estnischen Agrarreform.

In Erinnerung auch an diese Zusammenhänge veranstaltet man in Estland an diesem historischen Ort genau am 200. Geburtstag Bismarcks ein Treffen und ein Colloquium, über das ein Plakat in der Dokumentesammlung informiert, und in dessen Verlauf auch eine „Bismarck-Bank“ eingeweiht wird. Diesem Ereignis, das von den estnischen Veranstaltern selbst mit den Worten „große Geschichte im kleinen Estland“ angesprochen wird, folgt im Großen Saal der Stallungen von Gut Rayküll ein Colloquium mit drei Vorträgen:
Prof. Dr. Peeter Järvelaid (Universität Reval/Tallinn) „Bismarck als Staatsmann und Reformer Europas“
Prof. Dr. Tiit Rosenberg (Universität Dorpat/Tartu) „Die Keyserlinge als Baltische Gutsherren“
Prof. Dr. Aadu Must (Universität Dorpat/Tartu) „Die Deutschbalten zwischen dem Russischen und dem Deutschen Imperium“.

Zur Familie v. Keyserling und zur Geschichte von Rayküll finden sich in der Dokumentesammlung nicht wenige in verschiedenen Beständen verstreute Unterlagen. Teile der Brieflade Rayküll wurden noch im 19. Jahrhundert Baron Toll auf Kuckers für seine Urkundensammlung übergeben. Diese befindet sich als Kopie der im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten 1940 durchgeführten Verfilmungsaktion in der Dokumentesammlung. Das Gut Rayküll ist auch mit 47 Blatt im Nachlass Sammlung Alfred von Hansen (der sog. Sammlung Hansen) berücksichtigt. Bei den hier auch gezeigten Blättern handelt es sich um Auszüge aus der Literatur und um briefliche Mitteilungen zu den Gütern in Estland. Hansen geht es um die Erforschung der Besitzerfamilien der Güter, nicht unbedingt um die Güter oder die Gutswirtschaft. In der Rayküll gewidmeten Mappe kommen viele deutschbaltische Familiennamen vor – nicht zuletzt auch wegen der akribischen Berücksichtigung der Beigüter.
In den Ausschnitten hier wird auch auf die Familie v. Fersen hingewiesen, eine Vorbesitzerfamilie, darum estnisch früher auch der Name „Wärse Mõis“. Einige Bemerkungen in dem Material verweisen selbstverständlich auch auf die Verbindung zur Familie v. Bismarck.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster