Riga – Kulturhauptstadt Europas 2014

Segensreiche soziale Stiftung: Campenhausens Elend

Disposition über das Stifft des Campenhauschen [sic] Elend pro Anno 1752 & 1753 geführet vom Eltesten Carl Wilhelm Brockhusen
Noch zu Lebzeiten des Generalgouverneurs wurde das hier aus dem Familienarchiv Campenhausen gezeigte „Cassabuch betr. Campenhausens Elend“ angelegt. Genauer Titel: „Disposition über das Stifft des Campenhauschen [sic] Elend pro Anno 1752 & 1753 geführet vom Eltesten Carl Wilhelm Brockhusen“, Bl. 1-7.
(Archivsign.: DSHI 110 Campenhausen 32; mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers)

Geht man in Riga die Gr. Scharrenstraße (Skārņu iela) entlang, vorbei an der Johanniskirche und am Chor der Petrikirche und in Richtung Georgskirche, führt bald ein Durchgang nach rechts in den Konventshof und dort zu einem Gebäude, an dem in deutscher und lettischer Sprache „Campenhausens Elend“ steht. Diese Tafel erinnert bis heute im Zentrum von Alt-Riga an eine segensreiche Stiftung zugunsten von Witwen aus dem Kaufmanns- und Handwerkerstand. Diese Stiftung ist das Werk der Familie v. Campenhausen (Orellen), deren Archiv seit über drei Jahrzehnten als Depositum in der Dokumentesammlung des Herder-Instituts, dem zentralen Archiv für die baltische Region in Deutschland, aufbewahrt wird und hier der Forschung zur Verfügung steht.

Es verwundert nicht, daß einige Archivalieneinheiten auch „Campenhausens Elend“ betreffen.

Als 1748 der Generalleutnant Balthasar v. Campenhausen (1689-1758), der Orellen für die Familie erworben und das neue Haus hatte bauen lassen, sein Testament schrieb (zehn Jahre vor seinem Tod), gedachte er darin auch der Stiftung in Riga, die den Namen seiner Familie trug und trägt:

„Ferner und weil ich auch nicht ohne göttliche Direction vor kurzer Zeit in Erfahrung gebracht, wie sich in der Stadt Riga eine gewisse Stiftung befindet, die vor mehr als 200 Jahren von einem meines Nahmens und Geschlechts zu Unterhaltung armer bedrängter Wittwen angelegt worden, welche noch jetzo subsistiret und Campenhausens Elend genennet wird, ich auch in dankbarlicher Erwägung der mir aus der milden Vaterhand meines Gottes zugeflossener unzähliger Wohltaten kräftiglich beweget worden, diese löbliche Anstalt durch einen Zuschub aus meinem Vermögen zu verbeßern, auch dem Herrn ein Gelübde gethan, ein Capital von 2000 Rthr.Alb. […] zu desto beßerer Einrichtung dieses so genan[n]ten Campenhausens Elendes zu widmen und zu schenken,  als worüber bereits ein formelles Instrument verfaßet und E-m. Hochedel. Rath zu Riga übergeben habe […].“ (Zitiert nach der Abschrift des Testaments in: DSHI 110 Campenhausen 765).

Damit stellt sich Balthasar v. Campenhausen  in die Tradition einer Ende des 15. Jahrhunderts wohl von einem Vorfahren oder Verwandten gestifteten „Versorgungsanstalt für verarmte Bürger-Wittwen“ (vgl. H. v. Bienenstamm in: Geographischer Abriß der drei deutschen Ostsee-Provinzen Rußlands, Riga 1826, S. 194). Jedenfalls stattet er 1745 die Stiftung mit neuem Kapital aus, mit dem das bisherige Gebäude 1746 baulich beträchtlich verändert und erweitert und die Stiftung überhaupt seit 1749 erst wieder der alten Bestimmung gemäß tätig werden konnte. Durch diese Neufundierung war es möglich, daß „zur freyen Wohnung einer gewissen Anzahl armer Frauenspersonen, die nebst freyem Holze etwas gewisses an Geld zu geniessen haben“ (vgl. Gerh. Friedr. Müller: Sammlung Rußischer Geschichte, 1. Theil, Offenbach am Main 1777, S. 155).

Zu dieser Stiftung 1745 kam dann noch die testamentarische Verfügung Balthasar v. Campenhausens 1748. Auf all das nahm der Rigaer Pastor und Archidiakon Immanuel Justus Essen in seiner 1758 in Riga gedruckten Gedächtnisrede auf den verstorbenen Generalleutnant Balthasar von Campenhausen Bezug, die er am 19. Febr. 1758 im Stiftsgebäude von Campenhausens Elend gehalten hatte.

Unbedingt muß erwähnt werden, daß Johann Christoph Brotze „Campenhausens Elend“ recht ausführlich behandelt und durch eine Abbildung von 1786 berücksichtigt hat. Wichtig ist die von Brotze gegebene genaue Beschreibung des Inneren des Gebäudes (vgl. Johans Kristofs Broce: Zīmējumi un apraksti, Bd. 1, Riga 1992, S. 251 f.).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster