Gebet „[…] wider das aufrührerische Polen“

Gelegenheitsdruck Riga 1831 (DSHI 100 Köther 3.12) Die Abb. erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers.
Gelegenheitsdruck Riga 1831 (DSHI 100 Köther 3.12) Die Abb. erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Eigentümers.

Livländischer Gelegenheitsdruck zum Aufstand in Polen-Litauen 1830/31

Am 20. Februar 1831 richtete der livländische General-Superintendent Karl Ernst [von] Berg (1773-1833) ein Zirkular an seine Amtsbrüder in Livland. Es geht dabei um das „Formular zu einem Kirchengebete während der Zeit des gegenwärtigen Krieges wider das aufrührerische Polen“.

Die Vorgeschichte: 1825 folgte Nikolaus I. seinem Vater Alexander I. auf dem russischen Thron. War der Zar in Rußland ein autokratischer Herrscher, war er im 1815 auf dem Wiener Kongreß geschaffenen Königreich Polen ein konstitutioneller Monarch, der also einer Verfassung gemäß regieren mußte. Nikolaus anerkannte die Verfassung von 1815, folgte allerdings dem polnischen Wunsche nicht, die historisch polnischen Ostgebiete dem konstitutionellen Königreich Polen anzuschließen. Daraufhin begann dort die Russifizierung. Im sich nun radikalisierenden politischen Klima empfand die polnische Seite das russische Vorgehen als Bruch der Verfassung von 1815. Verschiedene Adelsgruppen (Bauern fehlten fast ganz) planten einen Aufstand, der am 29. November 1830 in Warschau losbrach. Am 3. Dezember bildete sich eine vorläufige Regierung des Königreichs. Eine militärische Konfrontation deutete sich an. Der Zar forderte die Aufständischen zur Kapitulation auf, was allerdings dazu führte, daß der polnische Sejm am 25. Januar 1831 die Dynastie Romanow für abgesetzt erklärte. Dieser Schritt wurde allgemein als Unabhängigkeitserklärung verstanden, was  die benachbarten Mächte Österreich und Preußen veranlaßte, sich mit Rußland zu solidarisieren, weil das durch den Wiener Kongreß geschaffene internationale System des europäischen Gleichgewichts gestört schien und die Gefahr eines neuen Krieges heraufzuziehen begann. Am 30. Januar bildete sich eine polnische Nationalregierung. Der Konflikt mit Rußland mündete in eine militärische Auseinandersetzung.

Am 5. Februar 1831 überschritt die russische Armee unter Feldmarschall Hans Karl von Diebitsch (1785-1831) die Grenze und marschierte Richtung Warschau. Am 25. Februar kam es nahe Warschau zur großen, am Ende aber unentschiedenen Schlacht bei Grochów. Doch nach weiteren Schlachten konnten die Russen am 8. September Warschau einnehmen.

Das hier vorgestellte Gebet in den Kirchen Livlands wurde am 20. Februar 1831 angeordnet, also nach dem Beginn des Vormarsches der russischen Truppen und unmittelbar vor der Schlacht bei Grochów. Es zeigt, daß die Auseinandersetzungen in den Gouvernements Kowno und Wilna und im weiteren Polen auch Auswirkungen auf die Ostseeprovinzen des Russischen Reiches hatten.

Der Gelegenheitsdruck ist Teil einer umfangreicheren Sammlung ähnlicher Quellen, die Felix Köther M.A. zusammengetragen und der Dokumentesammlung als Depositum übergeben hat (vgl. www.santjago.de). Zu diesen Drucken gehört auch ein ähnliches Gebet aus Riga 1812, also aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon: „Kriegs=Gebet für das Livländische Gouvernement. Höherem Auftrage zufolge, angefertigt durch das Livländische Ober=Consistorium, im August 1812.“ (DSHI 100 Köther 3.7).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster