Ein baltischer Adelstitel – manchmal auch in Wien erworben…

Abschrift des Adelsdiploms für die Familie von Wilpert (DSHI 140 Balt 642)
Abschrift des Adelsdiploms für die Familie von Wilpert (DSHI 140 Balt 642)

Vor kurzer Zeit konnte die Dokumentesammlung im Herder-Institut (DSHI) die notariell beglaubigte Abschrift des Adelsdiploms der Familie von Wilpert erwerben (Archivsignatur: DSHI 140 Balt 642). Die deutschbaltische Familie Wilpert stammte aus Neubrandenburg. Ihr erster Vertreter im Baltikum war Georg Friedrich Wilpert, der 1736 nach Kurland kam, in Mitau als Arzt wirkte und in eine Mitauer Familie (Rauert) einheiratete. Der Sohn aus dieser Ehe, Jakob Friedrich Wilpert, ging nach Riga, wo er ein eigenes Handelshaus eröffnete, in die Große Gilde aufgenommen und Ratsherr wurde. Als Vorsteher mehrerer Stiftungen erlangte er allgemeine Bekanntheit und wurde 1787 zum Bürgermeister der Stadt Riga berufen. Er war ein Freund Herders in dessen Rigaer Zeit (1764-1769). Jakob Friedrich Wilpert und sein Bruder Christian Georg (Pastor in Siuxt/Kurland) erwarben am 8. März 1795 das Adelsdiplom beim Deutschen Kaiser in Wien (Franz II.). Der Verbleib der Originalurkunde ist unbekannt. In der DSHI ist jetzt eine Abschrift vorhanden, die vom Rigenser Notar Wilhelm Töwe (Büro in der Herrenstraße) im Mai 1899 beglaubigt wurde. Diese Abschrift umfaßt 16 gezählte Seiten.

In den von Georg v. Krusenstjern (1899-1989) gesammelten „Genealogischen Notizen“, die sich als Depositum des Verbandes der Baltischen Ritterschaften in der DSHI befinden, gibt es die Kopie einer anderen Abschrift des gleichen Adelsdiploms aus Wien für die Familie von Wilpert. Diese Abschrift wurde im Dez. 1885 von Carl Stamm, „öffentlicher Notar der Kaiserlichen Stadt Riga“, beglaubigt (Archivsignatur: DSHI 190 Krusenstjern, Gen.Notizen, Bl. 9743-9748).

Das jetzt in der DSHI der Forschung in zwei gesondert entstandenen und beglaubigten Abschriften zur Verfügung stehende Adelsdiplom weist auf die Ende des 18. Jahrhunderts sehr oft anzutreffende Praxis, daß ursprünglich bürgerliche Familien – auch aus dem Baltikum – aus unterschiedlichen Gründen versuchten, in den Adel aufzusteigen. In den baltischen Provinzen Est-, Liv- und Kurland und auf Ösel mit ihrem traditionell selbstbewußten immatrikulierten Adel und seinen vom russischen Kaiser garantierten Privilegien war das für entsprechend ambitionierte bürgerliche Familien nicht einfach. Wer es sich leisten konnte, ging nach Wien und erwarb das Adelsdiplom dort, mußte sich dann aber anschließend in der baltischen Heimat um die Anerkennung bemühen, was meist ein langer Weg von mehreren Jahren oder Jahrzehnten war, bis die betreffende Familie in den Kreis des immatrikulierten baltischen Adels aufgenommen wurde und damit die Berechtigung zum Erwerb von Gutsbesitz und zur Teilhabe an politischen Entscheidungen und zur Besetzung von Ämtern erhielt.

Welche Gründe für die Familie Wilpert maßgeblich waren, diesen Schritt nach Wien zu unternehmen,  kann auf Grund hier vorliegender Zeugnisse nicht gesagt werden. Möglicherweise gab es den Wunsch, Gutsbesitz zu erwerben, was dann auch tatsächlich über sog. Pfandbesitz versucht wurde, aber letztlich nicht erfolgreich war. Merkwürdig ist im vorliegenden Falle, daß die Familie von Wilpert offenbar nicht versucht hat (oder daran gescheitert ist?), in den immatrikulierten baltischen Adel, hier also in die Livländische Ritterschaft, aufgenommen zu werden. Ob die Abschriften von 1885 oder von 1899 eventuell mit solchen Versuchen in Zusammenhang stehen, zu einem späten Zeitpunkt doch noch die Aufnahme in die Ritterschaft zu erreichen, muß an anderer Stelle geklärt werden.

In der Dokumentesammlung belegen mehrere ähnliche Adelsdiplome aus Wien, wie ursprünglich bürgerliche deutschbaltische Familien den Aufstieg in den Adel suchten.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster