"…zu befördern, was auf Geschichte und Alterthumskunde der Ostsee-Provinzen Rußlands Bezug hat."

„Aufforderung und Bitte“ der GGA von 1835 (Archivsign.: DSHI 140 Balt 638)

Eine „Aufforderung und Bitte“ der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde (GGA)

Die 1834 in Riga gegründete GGA richtete bereits ein Jahr später eine „Aufforderung und Bitte“ an ein „größeres Publicum“. In einer Drucksache von sieben Seiten (Satzspiegel 7,5 x 14 cm) wendet sich die Gesellschaft an die breite Öffentlichkeit mit der Bitte, die Zwecke der Gesellschaft aktiv zu unterstützen durch „die Erhaltung und Verbreitung alles dessen […], was auf Geschichte und Alterthumskunde der Ostsee-Provinzen Rußlands Bezug hat“ (S. 1). Es geht um den Aufbau einer Bibliothek mit Handschriftensammlung und eines Museums mit besonderer Erwähnung verschiedener Abteilungen: der numismatischen (Münzsammlungen), der diplomatischen (Sammlung von Urkunden), der epigraphischen (Sammlung von Inschriften), der heraldischen (Wappen und Siegel), der graphischen und plastischen (Karten, Pläne, Zeichnungen, Porträts, sonstige Kunstwerke), der archäologischen (Sammlung von Altertümern) und der genealogischen (Stammtafeln, familiengeschichtliche Dokumente).

Es ging der Gesellschaft um die Sammlung der materiellen Kulturgüter im Interesse ihrer Bewahrung vor Zerstreuung, Beschädigung oder gar Zerstörung; es ging aber auch darum, daß diese Schätze „an bestimmten Tagen, sowohl von Mitgliedern, als andern Personen, unter gewissen Bedingungen benutzt werden [können]“ (S. 3). Viele Privatleute, so heißt es, besitzen „wichtige handschriftliche Werke, Diplome, Schenkungsurkunden und andere Documente, ingleichem auch seltene Druckwerke und andere wichtige Gegenstände […], die ihrer Natur nach ganz dazu geeignet sind, die Sammlungen der Gesellschaft in dem Umfange der obenangeführten Abtheilungen, zu bereichern“ (S. 5). Man unterstellt, daß diese Gegenstände für die Besitzer oft nicht von Interesse sind, und man schlägt vor, daß die Besitzer die Gegenstände der Gesellschaft übereignen. Dieser ersten Bitte folgt die zweite betreffend die überall anzutreffenden ur- und frühgeschichtlichen Bodenfunde: Alle Bewohner des Landes werden aufgerufen, nicht ohne die nötige Sachkenntnis Ausgrabungen vorzunehmen, sondern sich an die Gesellschaft zu wenden, die diese Arbeiten mit entsprechender Kompetenz ausführen will. Die dritte Bitte ist eine Einladung auch an Nichtmitglieder, in den Sitzungen der Gesellschaft über interessante Fragen zu referieren und diese Vorträge auf Wunsch der Gesellschaft auch zum Druck zu geben.

Die Gesellschaft konnte im Sinne dieser „Aufforderung und Bitte“ eine überaus bemerkenswerte Bibliothek aufbauen, legte eine umfangreiche Handschriftensammlung an, sammelte museale Gegenstände und entfaltete eine rege Publikationstätigkeit. Sie veranstaltete Vorträge, Tagungen und Ausstellungen (u.a. auch den Ersten Baltischen Historikertag 1908 in Riga) und errichtete und unterhielt das in der ganzen baltischen Region einmalige Dommuseum. 1935 und 1936 wurden die Bestände der Gesellschaft durch die lettischen Behörden verstaatlicht, die Gesellschaft im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten 1939 aufgelöst.

Die Gesellschaft mußte 1935 auch ihre Handschriftensammlung dem Lettischen Staatsarchiv in Riga übergeben. In geringer Auswahl konnte diese 1940 in die im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten vertraglich vereinbarte Verfilmungsaktion von Archivgut einbezogen werden.  So kommt es, daß sich heute Kopien von 68 Handschriften der GGA in der DSHI in Marburg befinden (Archivbestand: DSHI 570 GGA).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster