Von St. Petersburg bis Walk - Eine Fahrkarte für eine Postkutschenreise ins Baltikum im September 1853

Billet für Herrn v. Rautenfeld, 18.9.1853 (DSHI 110 Nothelffer/Rautenfeld 35_8)

Gezeigt wird eine Fahrkarte für eine Postkutschenfahrt. Die Reise ging von St. Petersburg in die heutige estnisch-lettische Grenzstadt Walk, die damals mitten in Livland lag. Aus welchem Grunde Herr v. Rautenfeld dorthin reiste, ist unbekannt. Evtl. war es Heinrich Berens von Rautenfeld (d. Ä.), der, von St. Petersburg kommend, zu seinem Gut Ringmundshof, 50 km südöstlich von Riga, reisen wollte.
Walk bildete einen wichtigen Knotenpunkt für Handel und Politik. Die hier wiedergegebene Fahrkarte weist auf die Verkehrsverbindungen in damaliger Zeit hin, ist also ein Mosaiksteinchen zur Frage der Alltagsgeschichte im Baltikum vor dem Bau des Eisenbahnnetzes (nach dem Ausbau der baltischen Eisenbahn, besonders nach dem Bau der Strecke Dorpat –  Walk, 1889, verdoppelte sich die Bevölkerung der Stadt von 1881 bis 1897 auf knapp 10 000 Einwohner). Damals lagen Ausgangspunkt und Ziel der Reise innerhalb des Russischen Reiches, wenn auch in unterschiedlichen Gouvernements; heute wäre die Grenze zwischen der Europäischen Union und Russland zu überschreiten.

Der Reisende ist ein Mitglied der Familie v. Rautenfeld. Das Dokument stammt aus dem Familienarchiv Nothelffer/Rautenfeld (vgl. dazu das Archivale Juni 2012). Dem im Original ca. 20 mal 22 cm großen Papier ist weiter zu entnehmen ist, dass Herr v. Rautenfeld 19 Rubel Silber für die Fahrt bezahlt hat. Auf der hier nicht abgebildeten Rückseite sind noch weitere Bedingungen der Fahrt genannt, bei denen – wie auch heute bekannt – das Gewicht des Gepäcks eine große Rolle spielt: „Jeder Passagier kann 20 Pfund Gepäck unentgeld[!] mitnehmen, zahlt jedoch für jedes Pfund darüber 5 Kopeken Silber Münze.“ Die Kutsche hat nach der Abfahrt aus Petersburg Ingermanland durchquert und vermutlich in den Postkrügen Narva und Dorpat Station gemacht.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster