Die Stadt Riga und ihre Neubürger zwischen 1603 und 1889

Ein Blatt aus dem Bürgerverzeichnis Rigas (Archivsignatur: DSHI 510 Riga, Bürgerverzeichnis I)

Migrationen und ihre Erforschung stoßen in der Gegenwart auf großes Interesse. Dabei handelt es sich um Phänomene, die so alt sind wie das Menschengeschlecht. Immer wieder kam es in der Geschichte zu Abwanderungen hier und Zuwanderungen dort. Insbesondere sind Migrationen im Hinblick auf Städte ein wichtiges Forschungsobjekt, kann man hier doch in einer Art Mikrokosmos die Entwicklungen leichter verfolgen, finden diese doch meist in vielfältigen schriftlichen Quellen ihren Niederschlag. Man kann also Städtegeschichte zu einem Teil als Migrationsgeschichte verstehen. Dies gilt ganz allgemein, es gilt aber für die Handels- und Hansestädte rings um die Ostsee in besonderer Weise, waren und sind diese doch bis heute über die Ostsee hinweg eng verbunden und charakterisiert diese Verbundenheit insbesondere ein reger Austausch von Menschen und Waren.

Um diese Fragen im Falle Rigas zu erforschen, steht umfangreiches Quellenmaterial zur Verfügung, dessen Auswertung freilich höchst zeitaufwendig ist. So ist von großem Nutzen für die Forschung, daß in der Zeit zwischen beiden Weltkriegen deutsche und lettische Archivare und Forscher diese umfangreichen städtischen Quellen durchgearbeitet und alle Neubürger Rigas in zwei handschriftlichen „Bürgerverzeichnissen“ erfaßt haben. In zwei handschriftlichen Bänden wurden ca. 10.000 Personen für den Zeitraum von 1603 bis 1889 ermittelt. Verzeichnet wurden: Vorname und Familienname, Beruf, Datum der Aufnahme in den Bürgerstand, genauer Hinweis auf die entsprechende städtische Quelle, und in vielen – leider nicht in allen – Fällen sind auch die Herkunftsorte oder zumindest die Herkunftslandschaften angegeben. Die Familiengeschichtsforschung hat auf diese Quelle in den letzten Jahrzehnten vielfach zurückgegriffen. Dies war mehr eine punktuelle Nutzung, die dadurch erleichtert worden war, weil Kurt Miram von der Deutschbaltischen Genealogischen Gesellschaft zu Darmstadt Ende der 1990er Jahre Register der in den Verzeichnissen auftretenden Familiennamen angefertigt hatte. Eine umfassende systematische Auswertung der in diesen Rigaschen Bürgerverzeichnissen enthaltenen Personenangaben, eine Analyse der Berufs- und Herkunftsangaben vor dem Hintergrund der verschiedenen Zeitepochen werden im Augenblick vorbereitet. Eine solche lohnte sich auf jeden Fall. Viele für die Stadtgeschichte wichtige Erkenntnisse können gewonnen werden. Darauf sollte in diesem „Archivale“ ganz allgemein hingewiesen werden.

Möglich wurde dieser Hinweis aus der DSHI (Dokumentesammlung des Herder-Instituts), weil sich in den Marburger Archivbeständen die beiden genannten Bände des Bürgerverzeichnisses in Kopie aus dem Stadtarchiv Riga befinden und nun erstmals für eine systematische Forschung genutzt werden. Diese beiden Bände gehören zu dem großen Kopienbestand der DSHI, der in den bedeutenden Archiven Estlands und Lettlands im Zusammenhang mit der Umsiedlung der Deutschbalten 1939/40 angefertigt wurde (vgl. dazu AdM Mai 2007, März 2011). Die Originalbände sind in Riga erhalten und stehen im Historischen Staatsarchiv Lettlands zur Verfügung.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster