Vor 200 Jahren: das Niederbrennen der Vorstädte Rigas im Juli 1812 - Spuren in der Matrikel des Lyzeums zu Riga

Matrikel des Lyzeums Riga (DSHI 570 GGA 809), Bl. 253 mit den Einträgen zu Moses Levi u. Adolph Kaubert

In diesen Wochen wird vielfach an den Beginn des Rußlandfeldzuges von Napoleon im Juni 1812 erinnert. Die Ostseeprovinzen des Russischen Reiches wurden von den Kampfhandlungen unterschiedlich berührt. Während Kurland von den Franzosen (und preußischen Hilfstruppen) besetzt wurde, blieben Livland und Estland davor zwar verschont, doch rechnete man anfangs mit der Möglichkeit, daß Napoleon mit einem Teil seiner Heeresmacht in Richtung Norden marschieren könne – etwa über Riga in Richtung Petersburg.
Zeugnisse dieser Befürchtungen waren in Riga die Vorbereitungen für den Fall einer Belagerung der Stadt und in diesem Zusammenhang das Niederbrennen der Moskauer und Teile der Petersburger Vorstadt vom 11. Auf den 12. Juli 1812. In einem Umkreis von 3 km wurden vier Kirchen, 35 öffentliche Gebäude und insgesamt 700 Wohnhäuser vernichtet (nach Reinhard Wittram).

Während diese Ereignisse in der Literatur vielfach dargestellt wurden, erscheint es nicht unwichtig, daß sich auch Spuren dieser für Riga so dramatischen Ereignisse in einer bislang wenig beachteten Quelle finden lassen. Es handelt sich um die Matrikel des Lyzeums in Riga (Archivsign.: DSHI 570 GGA 809; Original im Histor. Staatsarchiv Lettlands in Riga erhalten). Die Geschichte dieser Schule läßt sich kurz in folgende Perioden gliedern:

  • I. 1675-1710: das Kgl.-(Schwedische) Lyzeum: Gründung durch den König von Schweden auf Betreiben baltischer Kreise (Fischer, von Campenhausen) bis zum Untergang im Nordischen Krieg
  • II. 1728-1804: das Kaiserlich-(Russische) Lyzeum: 1728: Vorbereitung der Neugründung; 1787: Neubau am Schlossplatz; 1804: das Lyzeum wird Gouvernements-Gymnasium im Zusammenhang mit der Neuordnung des gesamten baltischen Bildungswesens (u.a. Neugründung der Univ. Dorpat 1802).
  • III. 1804-1820: von der Gründung des Kaiserlichen Gymnasiums zum „Allgemeinen Schulstatut“
  • IV. 1820-1890: vom „Allgemeinen Schulstatut“ zum Nikolaj-Gymnasium

Der erste Eintrag in der vorliegenden Quelle betrifft den jüdischen Schüler Moses Ezechiel Levi (Bl. 253), Sohn des Weinküpers Ezechiel David Levi. Er war seit 1810 auf dem Lyzeum. Zu ihm heißt es: „ging nach der Verbrennung der Vorstadt in der unglücklichen Nacht vom 11.-12. Juli, darin sein Vater alles verlohr, nach S[t]. Peters[burg] ab“.

Die zweite Eintragung betrifft den Schüler Adolph Kaubert (Bl. 253), Sohn des Peter Kaubert aus Riga, Haushofmeister einer Gräfin Lestoque (Bl. 240), der seit 1808 im Lyzeum war. Über ihn heißt es: „ging nach dem Brande mit seinen Eltern nach dem Lande u. 1813 nach Petersburg“.

Vom Schüler Heinrich Stresow sagt die Matrikel (Bl. 254): „ging bei bedroheter Belagerung [der Stadt Riga] nach Stockholm, kam nicht mehr in die Schule“.

Über den Primaner Carl Christoph Neunkirchen, den Sohn des Ratsherrn Carl Friedrich Neunkirchen aus Riga, heißt es: „ging nach dem Brande ab u. blieb in Dorpat“ (Bl. 257).

Johann Wilhelm Ellinger, Sohn des Kgl. Preußischen Konsuls Johann Ludwig Ellinger, „kam nach dem Brande nicht wieder“ (Bl. 257).

Die beiden Brüder Otto Reinhold und Ernst Peter von Sievers waren „1812 wegen der Kriegsunruhe entwichen“, kamen aber in die Schule zurück (Bl. 261).

Der Tertianer Eduard von Trompowsky (wohl mit seinem Bruder Robert) „war ein ganzes Jahr mit seiner Mutter abwesend gewesen und kam nun [wohl im Aug. 1813] zurück“.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster