Quellen zu Kurland, eine Art der Überlieferung und der Locus Sigilli

Details aus dem Kopialbuch zu Kurland: DSHI 140 Balt. 358
Details aus dem Kopialbuch zu Kurland: DSHI 140 Balt. 358

Die Dokumentesammlung des Herder-Instituts (DSHI) bewahrt in ihren Beständen neben Urkunden und Akten verschiedener Persönlichkeiten, Familienverbände, Vereine und Gesellschaften auch zahlreiche Handschriftenbände, meist Amts- und Geschäftsbücher von Städten, Gesellschaften und Organisationen. Es gehört zu den selbstverständlichen kuratorischen Aufgaben, diese Stücke der Forschung zu erhalten und, wenn deren Zustand es erfordert, diese restaurieren zu lassen. Nicht selten sind diese Handschriftenbände durch langen Gebrauch in ihrer Bindung lädiert, einige Handschriften sind vor allem an Auslagerungsorten während der Kriegs- und Nachkriegszeit durch äußere mechanische Einwirkung oder durch Wasserschäden in größerem Umfang beschädigt. Diese Schäden haben nicht selten zu verschiedenen Arten von Pilzbefall geführt, weil die Archivstücke nicht immer zeitnah an den jetzigen Verwahrungsort gebracht werden konnten, wo sie natürlich archivgerecht aufbewahrt werden.

Schäden an Archivgut sollten restauriert werden, so wie es mit dem gezeigten Beispiel passiert ist.

Es handelt sich um eine Handschrift aus Kurland vom Anfang des 18. Jahrhunderts, die in kopialer Überlieferung Dokumente (Landtagsabschiede, Privilegien und Gesuche an den Landtag vom späten 16. Jh. bis Anfang des 18. Jh.s) zur inneren Verfassung des Herzogtums Kurland, vor allem zur ständischen Auseinandersetzung zwischen Herzog und Adel und deren jeweiligem Verhältnis zum Lehnsherrn, dem König von Polen, enthält. Der Band könnte im Auftrag der herzoglichen Hofes oder einer mächtigen Adelsfamilie hergestellt worden sein. Es kennzeichnet den besonderen Wert dieses auf Hadernpapier handgeschriebenen Kopialbuchs, dass in ihm Dokumente überliefert werden, deren Originale in der Zwischenzeit teilweise verloren gegangen sind (obwohl dieses Kopiar in seiner Zeit natürlich zunächst einmal nur aus Gründen der besseren Handhabbarkeit angelegt wurde).  Der gesamte Schriftträger war durch Feuchtigkeitseinfluss, Verrottung, Mikrobenbefall, Tintenfraß und Fehlstellen geschädigt; der Einband (Leder) durch Feuchtigkeits- und Wärmeeinfluss geschrumpft. Die Heftung des Buchblockes war nicht mehr funktionstüchtig. Die 293 Blätter des Bandes wurden einer Entwesung unterzogen und nass gereinigt, die Fehlstellen durch Anfaserung ergänzt, Tintenfraßschäden durch das Papierspaltverfahren gesichert. Durch die Behandlung der Papierblätter wurde eine dauerhafte Stabilisierung des Bandes gewährleistet. Die Lederoberflächte des alten Buchdeckels wurde für den neuen Einband des Werkes restauriert und wiederverwendet. Vor der Bindung des Buchblockes wurden Digitalisate der einzelnen Seiten erstellt und in Form von Scans auf CD-ROM gespeichert, die für die Benutzer des Bandes zur Verfügung gestellt werden können, so dass das Original nicht mehr strapaziert wird. Als Sicherheitskopie wurde ein Rollfilm des gesamten Bandes angefertigt.

Dass es sich um ein Kopialbuch handelt, ist in der beigefügten Abbildung ersichtlich: die typische Bezeichnung des L.S. / Locus Sigilli (Ort des Siegels); darüber die Überschrift zum 43. Abschied des Kurländischen Landtags mit einem nachträglichen Hinweis auf Gravamina aus dem Jahr 1667.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster