Von Gutskarten und Gesinden im Bezirk Dondangen in Kurland

Das Gesinde Nabel bei Jaunzeem, 1894 (DSHI 110 Osten-Sacken 236) - Abbildung mit frdl. Genehmigung des Eigentümers

Zum Archiv der Familie von der Osten-Sacken (DSHI 110 Osten-Sacken) wurde als ein erster Teil im Oktober 2010 eine in ihrer Vollständigkeit sicher seltene Sammlung von 245 Gutskarten der Dokumentesammlung (DSHI) von der Familie übergeben.

Der Gutsbezirk Dondangen, lett. Dundaga, liegt im Nordwesten von Lettland, in Kurland, ca. 30 km südwestlich der markanten Landspitze Kolken, lett. Kolka. Der Gutsbezirk Dondangen war mit geschätzten 70 000 ha Land einer der größten Landbesitze (Rittergut) im Baltikum mit 17 Beigütern, 23 Dörfern und 266 Gesinden (so das Historische Ortslexikon Lettland, S. 117f.).

Zentrum des Bezirks war (und ist heute) die Stadt Dondangen mit ihrem Schloss, das, ursprünglich aus dem 13. Jh. stammend, mehrfach zerstört und wiederaufgebaut wurde. Die Besitzungen dehnten sich im 19.Jh. bis an beide Küsten des nördlichen Kurland aus.

Die der DSHI übergebene Sammlung von Gutskarten wurde nach 1920 als Familienerbe nach Deutschland verbracht. In die DSHI kamen die Karten im Oktober 2010 in einem metallenen feuerfesten Kartenköcher aus alter Zeit. Die Karten, Pläne und Grundrisse haben unterschiedliche Formate und sind meist im amtlichen Maßstab 1:5.200 gezeichnet. Sie zeigen einzelne Orte mit der Verteilung von Gebäuden, Weiden und Ackerland sowie andere Nutzungen. Auf den Karten sind die unterschiedlichen Rechtsformen verzeichnet: Fideikommissgüter, Beigüter und einfache Gesindehöfe, meist mit der Bezeichnung der Dörfer, zu denen sie gehörten.

Der Zustand der einzelnen Karten ist sehr gut, was auf ihre Bestimmung hinweist, dass sie als Dokumentation der Besitzverhältnisse der Gutsbesitzerfamilie gedacht und daher besonders geschont untergebracht waren. Seit die Pläne in die DSHI gekommen sind, konnten sie schon zweimal für größere Forschungsprojekte genutzt werden: Einmal für die Erforschung der Verhältnisse auf diesem „sehr große[n] Rittergut Dondangen“ (Deutschbaltisches Rechtswörterbuch), dann aber auch in der Forschung über die Liven, die besonders im Nordosten des Bezirks lebten.
Zu sehen ist hier einmal die Karte, dann ein Ausschnitt der Karte des Gesindes Nabel, lett. Nabali, beim Dorf Jaunzeem, lett. Jaunciems, in nordwestlicher Richtung von Dondangen, direkt an der Küste gelegen.

Der vorliegende Plan gehört zum Pachtvertrag über den Dondangener Bauernhof Nabel als Fideikommiss-Gesinde. Er ist auf 48 x 65 cm großem Papier gezeichnet und mit russischsprachiger Legende und Kommentaren versehen. Der Maßstab ist der o.g. übliche 1: 5.200. Unterschrieben haben der Bevollmächtigte der Familie von der Osten-Sacken und ein Vertreter für den Pächter, der Analphabet war.

Neue Erkenntnisse lassen sich gewinnen, wenn man den Befund aus den Karten und Plänen mit anderen Quellen verbindet, etwa mit den Kurländischen Seelenrevisionslisten für Dondangen aus der Zeit von 1797 bis 1834.
Ergänzungen zum Familienarchiv in der Dokumentesammlung erfolgten durch die Übergabe von Akten und Urkunden zur Familie Osten-Sacken im August 2011. Weitere Teile sollen folgen.

In deutscher Übersetzung lautet die Legende zu diesem Plan:
Dorf Jaunzeem
Geschworener Feldmesser K.v.Witte.
Baron Friedrich Karlovič Grott[h]us[s], der Bevollmächtigte des Barons Karl Fedorovič v. d. Osten-Sacken, als Verpächter.
Fritz Jakodels, als Pächter, und für ihn, einen Analphabeten, unterzeichnete auf seine persönliche Bitte Ernst Jurson.
Der vorliegende Plan, der eigenhändig von dem Baron Friedrich Grott[h]us[s] und für den Analphabeten Fritz Jakodels unterzeichnendem Ernst Jurson unterschrieben ist, gehört zum Pachtvertrag über den Dondangener Bauernhof „Nabel“, der von mir an diesem Datum korroboriert und unter Nr. 18 in das Vertragsregister eingetragen ist. Das bezeuge ich.
Windau, den 19. Juli 1894.
Bauernkommissar des Kreises Windau
[Unterschrift, runder Stempel: Bauernkommissar des Kreises Windau]

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster