Karaimen – eines der Völker des Großfürstentums Litauen

Teil einer karaimischen Frauentracht (DSHI 150 Deveikė 31)

Im Litauen-Archiv-Reklaitis finden sich einige Spuren zur Geschichte der Karaimen, jenes Volkes turk-tatarischer Abstammung, das in seiner ursprünglichen Heimat am Schwarzen Meer in der Spätantike die jüdische Religion angenommen hatte (Goldene Horde) und am Anfang des 15. Jh. von der Krim in das mit Polen verbundene Großfürstentum Litauen als besondere militärische Formation berufen und unter anderem in Trakai/Troki unweit von Wilna angesiedelt wurde, wo man ihnen noch heute begegnen kann (Gotteshaus, Häuser, schriftliche und künstlerische Hinterlassenschaft).
Es verwundert nicht, daß der Sammler und Erforscher Litauens Dr. Povilas Reklaitis (1922-1999) auch die Karaimen im Blick hatte. Einige wenige Spuren weisen in seinem Litauen-Archiv-Reklaitis auf die Karaimen hin.

Dr. Povilas Reklaitis wurde 1922 in Kaunas in Litauen geboren. Sein Vater Viktoras war Sohn eines Landrats aus Mariampolė, Seine Mutter Betty, geb. Wallner, war Tochter eines Kantors und Lehrers aus lutherischer litauendeutscher Familie, die, von den Salzburgern abstammend, nach Ostpreußen gekommen und später nach Litauen weitergewandert war. Nach dem Studium in Kaunas und Wilna, nach der Umsiedlung der Litauendeutschen in Posen, Bamberg und Tübingen arbeitete Reklaitis für verschiedene Einrichtungen in Deutschland über Fragen der Kunst- und Kulturgeschichte des Großfürstentums und des modernen Nationalstaates Litauen. Seit den 1970er Jahren arbeitete er als Bibliothekar in Marburg, zuerst in der Westdeutschen Bibliothek, dann in der Universitätsbibliothek und schließlich bis Mitte der 1980er Jahre in der Bibliothek des Herder-Instituts.

Seit dem Zweiten Weltkrieg baute er sein Litauen-Archiv-Reklaitis (LAR) auf, das zu einer der umfangreichsten und vielseitigsten Privatsammlungen zu Litauen im westlichen Exil wurde und das das Herder-Institut Marburg nach seinem Tode ankaufte: Bücher und Zeitschriften aus diesem Material kamen in die Bibliothek, Bildmaterial und historische Stadtansichten ins Bildarchiv, historische Karten in die Kartensammlung, das Schriftgut in die Dokumentesammlung des Herder-Instituts.
Innerhalb des letztgenannten Materials (ca. 20 lfd. Regalmeter, mit weit über 2000 Archivalieneinheiten) archivierte Reklaitis auch zehn Nachlässe anderer meist exillitauischer Wissenschaftler und Künstler. Darunter befindet sich der über 50 Archivalieneinheiten umfassende Nachlaß der zuletzt in Paris lebenden Historikerin und Journalistin Dr. Jonė Deveikė (1907-1965), zu dem auch eine kleine Sammlung von Textilien gehört. Im Kern sind es Teile einer karaimischen Frauentracht, von der hier ein ansprechend gestalteter (Umhänge-?)Beutel gezeigt wird.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster