Eine Stimme in Reval / Tallinn 1857 - Das Erste Baltische Sängerfest in Reval - der Zweite Tenor

DSHI 190 Krusenstjern 1699_8_Titel und Seite 1 (Abb. mit frdl. Genehmigung des Eigentümers)

Wie im letzten Archivale des Jahres 2010 angekündigt werden an dieser Stelle im Jahr 2011 zu Ehren der Kulturhauptstadt Tallinn Quellen aus der DSHI vorgestellt, die mittelbar oder auch ganz direkt mit der Geschichte von Tallinn/Reval zu tun haben.

Der politische Umbruch 1991 im Baltikum und die Wiedererlangung der Unabhängigkeit ist unter dem Begriff „Singende Revolution“ bekannt.  Dieser Name kommt nicht von ungefähr, können doch alle drei Staaten des Baltikums, Estland, Lettland und Litauen, auf eine Tradition eigener Lieder und eigener Sänger- oder Liederfeste zurückblicken. Alle drei Staaten können zurecht von sich sagen, in dieser Tradition ihre Nationalität und damit dann auch ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit deutlich gemacht und durchgesetzt zu haben.

Kulturgeschichtlich haben sich die drei baltischen Staaten, wie auch andere Völker, durch ihre Volkslieddichtung ausgezeichnet, die durch die Zeiten tradiert wurden. Diese Weitergabe fand natürlich ursprünglich innerhalb des familiären Umfeldes statt. Jedoch organisierten sich im 19. Jahrhundert auch Vereine, die sich mit Gesang und Dichtung beschäftigten. So auch im Baltikum und natürlich auch in Estland. Solche Vereinsgründungen hatten zumeist ihre Vorbilder in von der deutschen Oberschicht organisierten Vereinigungen, z.T. wurden sie auch von Deutschen unterstützt.

In ihrer Ausführung waren sie jedoch stets Ausdruck der jeweils eigenen nationalen Tradition – und daneben doch Ausdruck der kulturellen Gesinnung der ganzen Region. Gerne wird so, wohl zurecht, das erste Erscheinen einer estnischsprachigen Wochenzeitung (Pärnu Postimees)  durch Woldemar Jannsen in Pernau/Pärnu, im gleichen Jahr wie das Erste Baltische Sängerfest in Reval 1857, in Verbindung gesehen mit einer Entwicklung, die zum gesamt-estnischen Sängerfest, das erstmals 1869 in Dorpat stattfand, geführt hat.

Die hier gezeigte Abbildung aus der Dokumentesammlung im Herder-Institut zeigt die Stimme des „Zweiten Tenors“ der “Gesänge des ersten baltischen Sängerfestes“ in Reval 1857. Es ist die gedruckte Fassung der Stimme. Dieses Liederbuchexemplar ist insofern im archivischen Sinne etwas besonderes, als es einen handschriftlichen Besitzvermerk: „C. Bohnhof“ enthält und außerdem durch seine äußeren Spuren einen sehr regen Gebrauch während des Sängerfestes 1857 nachweist. Ein Zweites Baltisches Sängerfest gab es 1861 in Riga (die Liedertexte können unter der Signatur DSHI 190 Krusenstjern 0729 eingesehen werden).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster