Otto von Haller und seine "Sammlung Revaler Hausmarken"

Blatt aus der Sammlung Revaler Hausmarken (DSHI 140 Balt 181)

Wie im Archivale des Monats Dezember des Jahres 2010 angekündigt, werden an dieser Stelle im Jahr 2011 zu Ehren der Kulturhauptstadt Tallinn Quellen aus der DSHI vorgestellt, die mittelbar oder auch ganz direkt mit der Geschichte von Tallinn/Reval zu tun haben.

In der Dokumentesammlung hat sich von Otto von Haller das Typoskript der nie im Druck erschienenen „Sammlung Revaler Hausmarken“ als maschinenschriftlicher Durchschlag (mit nur wenigen Originalblättern) erhalten. Es wurde im Oktober 1965 von dessen Bruder Arndt von Haller (Berlin) an Hellmuth Weiss, den damaligen Direktor des Herder-Instituts (vgl. Archivale des Monats April 2011), übergeben, der den Verf. noch aus gemeinsamen Revaler Tagen persönlich kannte. Das Typoskript hat die Archivsignatur: DSHI 140 Balt 181-183, besteht also aus drei Mappen: (181) Die Sammlung Revaler Hausmarken, Bl. 1-193; (182) Notizen zu einzelnen Hausmarken, Bl. 1-78; (183) Einleitung zu Revaler Hausmarken und Auszüge aus der Literatur, Bl. 1-29.

Die Erhebungen und Quellenstudien zu den Revaler Hausmarken hat Otto von Haller mit großer Wahrscheinlichkeit in den 1920er und 1930er Jahren durchgeführt. Die Abfassung der vorliegenden Texte dürfte Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre (mit datierten Nachträgen bis 1949) erfolgt sein. Der Bestand wurde in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten von Reval-Forschern intensiv genutzt, u.a. von Friedrich Benninghoven, Jüri Kivimäe, Heinz v. zur Mühlen und von Familienforschern.

Otto von Haller wurde am 15. Febr. 1887 in Abia (estn. Abja, Kr. Pernau, 30 km südwestlich von Fellin/Livland) als Sohn des Rechtsanwalts Pontus v. Haller geboren.  Er erhielt Privatunterricht und besuchte die St. Annenschule in Sankt Petersburg. Er studierte 1906 bis 1910 Medizin in Dorpat (Matr.-Nr. 21016), seit 1910 in München. Seine Familie stammte ursprünglich aus dem Voigtland, gelangte im 18. Jh. nach Schweden, in einem Zweig später auch nach Estland. 1881 bzw. 1890 erhielten Zweige der Familie ihre Erhebung in den erblichen russischen Dienstadel und wurden in das Livländische Gouvernements-Adels-Geschlechtsbuch eingetragen. Über das Todesjahr Otto von Hallers konnte noch keine Angabe ermittelt werden.

Hausmarken waren seit dem Mittelalter „Eigentumszeichen an beweglichem und unbeweglichem Gerät in Haus und Hof“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Hausmarke), im Zusammenhang mit dem Fernhandel vor allem auch Handelsmarken, „Zeichen, die der Kaufmann auf seinen Waren bei der Versendung anzubringen pflegte. Sie sind zu unterscheiden von den Fabrikationsmarken, die gewisse Handwerke […] zu führen gezwungen waren“ (Wilhelm Stieda: Hansisch-Venezianische Handelsbeziehungen im 15. Jh. Rostock 1894).

Diese Zeichen waren also immer einer bestimmten Familie und ihren Angehörigen zuzuordnen, wurden allmählich zu eindeutigen Identifikationssymbolen über die Generationen hinweg. In späterer Zeit wurden diese Hausmarken oft in reguläre Wappen bestimmter Familien aufgenommen.

Otto von Haller schrieb in der nur fragmentarisch vorliegenden Einleitung zu seiner „Sammlung Revaler Hausmarken“: „Wenn ich hier Ergebnisse meiner Untersuchungen über die Vererbung der Hausmarken mitteile und einige Regeln darüber aufstelle, so beziehen sich diese in erster Linie auf die Verhältnisse in der alten Hansestadt Reval. Denn in der Hauptsache beruhen diese Untersuchungen auf dem von mir in Revaler Archiven und Kirchen und an Profanbauten etc. gesammelten Material von rund 1.900 Hausmarken und der Kenntnis der Genealogie der Revaler Geschlechter des ausgehenden Mittelalters. Bei den nahen Beziehungen Revals zu Lübeck und vielen anderen deutschen Hansestädten ist aber anzunehmen, daß sie auch für die Verhältnisse in allen Hansestädten eine gewisse Gültigkeit haben werden.

Immer wieder findet man unter den Hausmarken solche, die sich gleichen oder nur geringfügige Abweichungen von einander zeigen, die aber Personen gleichen Namens gehören, deren verwandtschaftliche Beziehungen sich dokumentarisch nachwiesen oder aus den Siegeln selbst bestimmen lassen. […] Andererseits trifft man häufig Hausmarken, die von Brüdern oder nachweislich dem selben Geschlecht angehörigen Personen geführt werden, aber einen ganz verschiedenen Typ zeigen, beziehungsweise es nimmt ein Zweig des Geschlechts von einer bestimmten Generation an eine neue Hausmarke an und behält sie durch mehrere Generationen.“ (DSHI 140 Balt183, Bl. 7).

Möge diese Sammlung zu sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen, zu familien- und personenkundlichen Studien genutzt und als ein wichtiger Baustein zur Geschichte der Stadt Reval erkannt werden.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster