Kopienbestände im Archiv – Grundlage der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Estland

Blick in das Archivmagazin der DSHI mit den Bänden des Kopienbestands Revaler Magistratsarchiv (DSHI 510 Reval)
Blick in das Archivmagazin der DSHI mit den Bänden des Kopienbestands Revaler Magistratsarchiv (DSHI 510 Reval)
Blatt aus dem Bürgerbuch Reval 1787 (DSHI 510 Reval, SHZ 127)
Blatt aus dem Bürgerbuch Reval 1787 (DSHI 510 Reval, SHZ 127)

Wie im Archivale des Monats Dezember des Jahres 2010 angekündigt, werden an dieser Stelle im Jahr 2011 zu Ehren der Kulturhauptstadt Tallinn Quellen aus der DSHI vorgestellt, die mittelbar oder auch ganz direkt mit der Geschichte von Tallinn/Reval zu tun haben.

Die Dokumentesammlung im Herder-Institut, besitzt umfangreiche Kopienbestände an baltischem Archivgut (vgl. Archivale des Monats Mai 2007). Dazu gehören aus drei verschiedenen Überlieferungen auch Kopien großer Teile des Magistratsarchivs der Hauptstadt Estlands.

Da sind einmal die 1940 im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten in estnischen und lettischen Archiven hergestellten ca. 800.000 Mikrofilmaufnahmen, von denen 1940 ca. knapp 100.000 im Revaler Stadtarchiv aufgenommen wurden, das eines der besterhaltenen Archive einer Hansestadt ist –  bedeutsam für die Geschichte ganz Nordosteuropas. Es handelt sich dabei um Urkunden, Amtsbücher und Akten des Magistrats dieser Anfang des 13. Jhs. gegründeten Stadt, der 1248 lübisches Recht verliehen wurde. Das Ergebnis dieser Verfilmungsaktion wurde 1940 zunächst nach Berlin, danach in die „Sammelstelle baltendeutschen Kulturguts“ nach Posen und von dort bei Kriegsende nach Westen bis in die britische Besatzungszone (Goslar und Göttingen) verbracht. 1952 gelangten die Baltischen Archivmikrofilme ins Archiv im Herder-Institut, wo in den 1980er Jahren zur Langzeitsicherung Duplikatfilme und zur einfacheren Benutzung Rückvergrößerungen auf Papier hergestellt wurden.

Da sind zum anderen die Kopienbestände des Magistratsarchivs, die angefertigt wurden, als sich etwa zwei Drittel des Bestandes zwischen 1944 und 1990 im Original in Deutschland befanden – zunächst im zonalen britischen Archivlager in der Kaiserpfalz Goslar, danach in Göttingen im Staatlichen Archivlager des Landes Niedersachsen bis zu dessen Auflösung 1978.  Anschließend kamen die originalen Revaler Archivbestände ins Bundesarchiv Koblenz, von wo sie 1990 nach Estland zurückkehrten. Vor der Rückgabe wurde das ganze Material mikroverfilmt. Von jeder Aufnahme wurde eine Rückvergrößerung auf Papier hergestellt.  Die Mikrofilme und die über 3.000 Kopienbände wurden 1999 als Depositum (Dauerleihgabe) des Bundes an die Dokumentesammlung des Herder-Instituts abgegeben, wo sie innerhalb der Bundesrepublik Deutschland an zentraler Stelle archivischer Forschungen über Reval und die baltischen Länder allen Interessenten zur Verfügung stehen.

Der dritte Bereich Revaler Kopienbestände besteht aus Mikrofilmaufnahmen, die das Stadtarchiv in Reval/Tallinn nach der Rückgabe der zeitweilig in Deutschland befindlichen Originalteile des Magistratsarchivs angefertigt und der in Deutschland bestehenden Baltischen Historischen Kommission zur Verfügung gestellt hat, die diese Filme als ihr Eigentum ebenfalls als Dauerleihgabe an die Dokumentesammlung des Herder-Instituts gegeben hat. Diese sog. Revaler Nachlieferungen betreffen jenes Drittel des ursprünglichen Bestandes, das 1944 nicht im Original nach Deutschland verbracht worden war.

Man kann also feststellen, dass durch die drei hier vorgestellten Kopienbestände nahezu das ganze Magistratsarchiv Reval/Tallinn im Herder-Institut in Kopie vorhanden ist. Diese sichern die Kontinuität archivischer Forschungen über Reval in der Bundesrepublik Deutschland, eröffnen andererseits aber auch eine breite Möglichkeit zur Zusammenarbeit zwischen deutschen und estnischen Archivaren (vgl. dazu: DOROTHEE GOEZE, PETER WÖRSTER , LEA KÕIV u. URMAS OOLUP: Gedanken zu einem estnisch-deutschen Erschließungsprojekt: Zugang zum Revaler Ratsarchiv durch einen Online-Katalog [Titel der engl. Version: German-Estonian Provisions to Facilitate Access to Archives on the Online Catalogue of the Tallinn City Archives]. In: Digitalisieren – Internationale Projekte in Bibliotheken und Archiven. Digitalization – International Projects in Libraries and Archives. Berlin [BibSpider] 2007, S. 40-45 [dt. Version], S. 172-176 [engl. Version].

Für einen Gesamtüberblick über die Bestände des Revaler Magistratsarchivs ist noch immer das bereits in der Zwischenkriegszeit im Druck erschienene Findbuch zu empfehlen:

Katalog des Revaler Stadtarchivs. Von Stadtarchivar GOTTHARD HANSEN†. Zweite, umgear-beitete und vermehrte Auflage. Hrsg. von O[TTO] GREIFFENHAGEN und ALEKSANDER MARGUS, 4 Teile, Reval 1924-1938.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster