August 1970 in Tallinn / Reval - Der 3. Internationale Finno-Ugristen-Kongress

Material zum III Congressus Internationalis Fenno-Ugristarum, links: O. A. Webermann (aus: DSHI 100 Weiss 60, DSHI Webermann 275, EAA 5266_001272_001)
Material zum III Congressus Internationalis Fenno-Ugristarum, links: O. A. Webermann (aus: DSHI 100 Weiss 60, DSHI Webermann 275, EAA 5266_001272_001)

Wie im Archivale des Monats Dezember des Jahres 2010 angekündigt, werden an dieser Stelle im Jahr 2011 zu Ehren der Kulturhauptstadt Tallinn Quellen aus der DSHI vorgestellt, die mittelbar oder auch ganz direkt mit der Geschichte von Tallinn/Reval zu tun haben.

1960 wurde eine Vorkriegs-Tradition wiederaufgenommen: dass sich nämlich die wissenschaftliche Welt der Finno-Ugristik zu einem internationalen Kongress trifft. Die Finno-Ugristik umfasst die Erforschung der finnougrischen Völker und Sprachen. Bei den ersten Kongressen, die alle 5 Jahre stattfinden, verteilten sich die Tagungsorte auf die drei größten Sprachgruppen: die der Ungarn, der Finnen und der Esten. Seit den 1980er Jahren sind auch die kleineren finnougrischen Völker im Tagungszyklus vertreten.

So gibt es ab 1960 die folgenden Tagungsorte:  Budapest 1960 / Helsinki 1965 / Tallinn 1970 / Budapest 1975 / Turku 1980 / Syktywkar (Komi) 1985 / Debrecen 1990 / Jyväskylä 1995 / Budapest 2000 / Joškar-Ola (Mari) 2005 / Piliscsaba (Ungarn) 2010
Vor dem Krieg fanden Kongresse 1921 in Helsinki, 1924 in Tallinn, 1928 in Budapest, 1932 in Helsinki und 1936 in Tallinn statt.

Am Ende des Kongresses 1965 in Helsinki wurde zum 3. Finno-Ugristen-Kongress „in die Sowjetunion“ eingeladen. Zunächst erschienen Moskau und auch Leningrad für einen Kongress rein logistisch angemessen. Doch entschied man sich aus politisch-taktischen Gründen dem Westen gegenüber für Tallinn/Reval als Tagungsort, u.a. auch, „da die diese Stadt auf dem Gebiet der finno-ugrischen Forschungen auf altbewährte Traditionen zurückblicken kann“ (wie Paul Ariste, Präsident des Kongresses, stets betonte – so z.B. in seinem Vorwort zum Kongress-Programm) und natürlich, weil nach Budapest und Helsinki nun Tallinn als Zentrum der drittgrößten finno-ugrischen Sprachgemeinschaft vertreten sein sollte.

Am Kongress in Tallinn, der vom 17. bis zum 23. August  1970 stattfand, nahmen an die 500 Teilnehmer aus 20 Ländern teil. Die Themen umfassten neben den in ihrer Vielschichtigkeit dominierenden sprachwissenschaftlichen Themen die Fachgebiete: Archäologie, Ethnographie, Literaturwissenschaft, Volksdichtung, Volksmusik, Anthropologie, Volksglauben.

In der Dokumentesammlung gibt es zwei kleinere Konvolute über diesen Kongress. Da ist einmal das Material aus dem Nachlass von Hellmuth Weiss, ein in Tallinn/Reval geborener Deutschbalte (vgl. Archivale des Monats April 2011), und da ist Material aus dem Nachlass von Otto A. Webermann, ein in der Nähe von Rakvere/Wesenberg geborener Este. Beide lebten und wirkten nach dem Krieg in Deutschland. Hellmuth Weiss in Marburg  am Herder-Institut und Otto A. Webermann in Göttingen am Finnisch-Ugrischen Seminar der Universität.
Sowohl Weiss als auch Webermann konnten 1970 zum ersten Mal die Gelegenheit wahrnehmen, wieder in ihr Heimatland zu fahren. Dies muss umso bedeutender für beide Männer gewesen sein, als, wie gesagt, wohl zu Anfang der Planung nicht selbstverständlich war, dass innerhalb der Sowjetunion Tallinn zum Tagungsort gewählt werden würde.
Aus den den Kongress betreffenden Konvoluten sind jeweils die komplizierten logistischen Vorbereitungen für diese Reise ins Sowjet-Estland zu ersehen.

Der Aufenthalt in Tallinn selbst galt natürlich der Teilnahme am Kongress, der jedoch neben dem Ort der wissenschaftlich Diskussion zu einer Begegnungsstätte wurde: Hellmuth Weiss schreibt in einem Bericht über den 2. Kongress in Helsinki: „M.W. trafen sich hier zum ersten mal in größerer Zahl Wissenschaftler aus Sowjet-Estland mit solchen aus der estnischen Emigration.“ (DSHI 100 Weiss 60, 16). Wie viel mehr muss es für beide Gruppen bedeutet haben, sich fünf Jahre später im gemeinsamen Heimatland zu sehen und sich in Estland persönlich austauschen zu können. Für Weiss wie auch für Webermann war die Kongress-Exkursion nach Tartu/Dorpat ein außerordentliches Erlebnis, eine Stadt die während dieser Zeit immer noch „schwer zugänglich“ (so Weiss in seinem Bericht) war.
Beide haben später wenig direkt über ihre Erlebnisse in Estland geäußert (Weiss allerdings einen kurzen Bericht an den Herder-Forschungsrat geschrieben, DSHI 100 Weiss 60, 2-4). Jedoch tritt in der Korrespondenz der beiden mittelbar das Ereignis „Tallinn 1970“ und die damit verbundenen Begegnungen immer wieder in Erscheinung. Die Zurückhaltung ist sicher der Vorsicht gegenüber in Estland lebenden Freunden und Verwandten zu schulden. Es ist insofern eine verhaltene, aber tief empfundene, Freude beider Wissenschaftler über ihren Aufenthalt in Estland zu spüren.

Vom weiteren Material zum Kongress soll eine kleine Zeitungsausschnittsammlung nicht unerwähnt bleiben, welche mehrere Tageszeitungen in estnischer und russischer Sprache umfasst, die z.T. in täglichen und ausführlichen Berichten den Kongress begleiteten.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster