Brücke zwischen Reval/Tallinn und Marburg/Lahn: Hellmuth Weiss – Direktor des Herder-Instituts 1959-1964

Portrait: Hellmuth Weiss ca. 1970 (DSHI 100 Weiss)
Portrait: Hellmuth Weiss ca. 1970 (DSHI 100 Weiss)

Wie im Archivale des Monats Dezember des Jahres 2010 angekündigt, werden an dieser Stelle im Jahr 2011 zu Ehren der Kulturhauptstadt Tallinn Quellen aus der DSHI vorgestellt, die mittelbar oder auch ganz direkt mit der Geschichte von Tallinn/Reval zu tun haben.

Die Dokumentesammlung (DSHI) besitzt nicht nur Archivbestände zur Geschichte der Stadt Reval, sondern auch zu Personen, deren Leben und Werk mit dieser Stadt verbunden waren. Zu diesen gehört auch der Historiker und Bibliothekar Dr. Hellmuth Weiss.

Weiss wurde im Okt. 1900 in Reval geboren, besuchte die Domschule und begann sein Studium 1918 in Dorpat. Nach dem Dienst im Baltenregiment studierte er seit 1920 in Greifswald und Tübingen. 1925 folgte seine Promo¬tion bei Johannes Haller, der selbst aus Estland stammte. Weiss war seit 1926 in der Deutschen Kulturselbstverwaltung tätig, wurde deren Vizepräsident und 1938 deren letzter Präsident. 1927 berief man ihn zum Direktor der Bibliothek der Estländischen Literärischen Gesellschaft in Reval. 1937 war Weiss Vertreter der Kulturselbstverwaltungen der nationalen Minderheiten im estnischen Parlament. 1939 nahm er an der Umsiedlung der Deutschbalten teil. 1941-1944 leitete er während der deutschen Besetzung die Abteilung Kul¬turpolitik in der Zivilverwaltung Estlands. 1950 war Weiss Gründungsmitglied des Herder-Forschungsrats in Marburg, in dessen Institut er von 1952-1964 wirkte (erst als Leiter der Bibliothek, dann als Direktor). Fast 10 Jahre war er Herausgeber der „Marburger Ostforschungen”, fast 30 Jahre Mitherausgeber der „Zeitschrift für Ostforschung” (ZfO). 25 Jahre bearbeitete er die „Balt. Bibliographie”. Viele Jahre war er Geschäftsführendes Vorstandsmitglied, kurz auch Vizepräsident des Forschungsrats. 1951 war er Gründungsmitglied der Baltischen Historischen Kommission, deren Vorstand er lange Zeit angehörte und deren Eh¬renmitglied er bis zu seinem Tod war. Im April 1992 starb Hellmuth Weiss in Marburg.

Die Bindungen von Hellmuth Weiss an Reval/Tallinn sind vielfältig: Er wurde hier nicht nur als Sohn des Buchhändlers Robert Weiss (Mitinhaber der Buchhandlung Kluge & Ströhm) geboren, er lebte und wirkte hier mit Unterbrechung durch die Studienzeit fast die Hälfte seines Lebens.
Als Direktor der Bibliothek der Estländischen Literärischen Gesellschaft gelang ihm der sensationelle Fund des ältesten gedruckten Textes in estnischer Sprache: Weiss fand die Bruchstücke des sogenannten Wanradt-Koellschen Katechismus von 1535 und veröffentlichte sie zusammen mit Paul Johansen, damals Direktor des Stadtarchivs Reval. Estland konnte dank dieses Fundes 1935 das Jubiläumsjahr „400 Jahre estnisches Buch” feiern. Weiss erhielt dafür den Adlerkreuzorden.
An der Verlagerung des Ratsarchivs Reval nach Deutschland hatte Weiss 1944 aktiven Anteil. Für ihn galt damals und bis zur Rückgabe der Archivbestände 1990, was er in dem Übernahmeprotokoll 1944 selbst unterschrieben hatte: „Die Evakuierung läßt die Frage des Besitzes unberührt und das ausgelieferte Material wird spätestens nach Abschluß dieses Krieges nach Reval zurückgebracht und in die Bestände des Revaler Stadtarchivs wieder einverleibt werden.”
Besondere Aufmerksamkeit dürfen die umfangreichen im Nachlaß Weiss enthaltenen Korrespondenzen beanspruchen. Zu diesen gehören viele mit estnischen Persönlichkeiten im Exil und in der Heimat: Paul Ariste, Armin Tuulse, Edgar Kant, Villem Raam, Jaan Kross, Sirje und Jüri Kivimäe, Laine Peep, Rein Helme u.a..
In seiner Marburger Zeit nahm Hellmuth Weiss, wie er es selbst ausdrückte, die Funktion eines „Auskunftsbüros” für baltische, insbesondere Estland betreffende Dinge, wahr. Es ging um baltische Geschichte, um die Deutschbalten und die Esten; es ging um große Fragestellungen und um viele historische und geographische Details, die er aus eigener genauer Kenntnis der Verhältnisse oder auf Grund der ausgezeichneten Bestände im Herder-Institut bearbeiten konnte.
Zum Finnougristen-Kongress 1970 konnte das Ehepaar Weiss in seine Vaterstadt Reval/Tallinn fahren. In Äußerungen darüber waren beide aus politischen Gründen zumindest im Briefkontakt sehr vorsichtig.
Die Bindung an Estland war für Weiss nicht immer nur wissenschaftlich. Neben den Themen, die er mit seinen Kollegen erörterte, gibt es in den Korrespondenzen immer wieder zahlreiche Bezüge zur gemeinsamen Heimat. Da wird stets von „Kodumaa“ (Heimatland) gesprochen, und aus einem deutschen „von Haus zu Haus“ wird oft ein heimatlich-vertrautes „tarest-tarre“.
Hellmuth Weiss konnte, wie schon gesagt, fast den gesamten Jahrhundertweg in seinem Leben mit Estland gehen. Durch seine regen Briefkontakte konnte er auch die Entwicklung in Estland in den späten 1980er Jahren miterleben: Leida Anting schrieb 1988 von Perestroika und Glasnost und den damit verbundenen Hoffnungen für Estland. Kiira Robert schrieb ihm nach 20 Jahren regen Briefwechsels, dass die ZfO nun auch in Estland für jedemann frei einsehbar sei.
Die „späten Kontakte”, wie Weiss sie selbst nannte, haben ihn sehr erfreut und mit Genugtuung erfüllt: Er war bei seinen estnischen Landsleuten nicht vergessen, die ihn in Marburg besuchten, mit ihm Estnisch sprachen und schrieben, so etwa Rein Helme im März 1989: „Ich wünsche Ihnen [...] noch eine lange Zeit, an dem baltischen wissenschaftlichen Leben teilzunehmen, für dessen Wiederaufrichtung Sie in den Nachkriegsjahren soviel getan haben.” und Villem Raam im Jan. 1990: „...möge Ihnen Ihre Lebensfreude und Ihre Liebe zum Heimatland noch lange, lange Zeit erhalten bleiben!”
Die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estlands hat Weiss 1991 noch bewußt erlebt und ein Jahr nach der Wiedervereinigung Deutschlands als Erfüllung seiner jahrzehntelangen Arbeit empfunden.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster