Vor 300 Jahren: Das Baltikum wird russisch - Die ‚Kapitulationen‘ des Jahres 1710 vor Peter d. Großen

Ehstnischer [recte: Estländischer] Ritterschafft Capitulation und Universal […]. Wie auch der unterschriebene Huldigungs-Eyd, de ao. 1711, d. 22. Febr. Angebunden die Abschrift des ‚Universal‘ Peters d. Gr. vom 16. August 1710 mit den Zusagen der W
Ehstnischer [recte: Estländischer] Ritterschafft Capitulation und Universal […]. Wie auch der unterschriebene Huldigungs-Eyd, de ao. 1711, d. 22. Febr. Angebunden die Abschrift des ‚Universal‘ Peters d. Gr. vom 16. August 1710 mit den Zusagen der Wahrung der Privilegien in dt. Übersetzung (DSHI 190 Estland 083). Erste Seite und letzte Seite der Kapitulationsurkunde.

Die Rivalität Schwedens und Rußlands im Kampf um das Baltikum steigerte sich Ende des 17. Jahrhunderts. Nach der Großen Gesandtschaft durch Mittel- und Westeuropa hatte sich Peter d. Gr. entschlossen, die Auseinandersetzung zunächst nicht mit der Türkei im Süden, sondern mit Schweden im Nordwesten zu suchen. Im Jahre 1700 begann der Nordische Krieg. Nach fast zehn Jahren dramatischer Schlachten und bis dahin unbekannter Verwüstungen wendete sich das Kriegsglück dauerhaft zugunsten Peters. Nach der für Karl XII. von Schweden so verhängnisvollen Schlacht bei Poltawa 1709 eroberte Peter die baltischen Provinzen mit ihren Hauptstädten Riga und Reval. Am 4. Juli 1710 schlossen die siegreichen Russen unter der Führung des Grafen Boris Scheremetew mit der Stadt Riga und mit der Livländischen Ritterschaft Unterwerfungsverträge, sogenannte ‚Kapitulationen‘, „welche die Sonderstellung Livlands und Rigas im russischen Reich begründeten“ (Reinhard Wittram). Am 14. Juli 1710 huldigten die Livländische Ritterschaft und der Rat von Riga Peter d. Gr.

Am 29. Sept. 1710 folgten ähnliche Vereinbarungen, Kapitulationen, mit der Stadt Reval/Tallinn (vgl. dazu: www.tallinn.ee/est/g3564s27120) und mit der Estländischen Ritterschaft, ausgestellt im russischen Hauptquartier, das sich damals auf dem Gut Hark südwestlich von Reval/Tallinn befand. Unterschrieben wurde das in der DSHI Marburg aufbewahrte Originaldokument von den beiden Unterhändlern der Estländischen Ritterschaft: Reinhold (Renaud) von Ungern-Sternberg und Fabian Ernst Stael von Holstein, die beide in den Jahren davor Ritterschaftshauptmann gewesen waren. Von russischer Seite unterschrieb die Kapitulation General Rudolf Felix Bauer, der aus Holstein stammte und im Dienste Peters d. Gr. stand.

Der russische Besitz Estlands und Livlands (hinzu kamen auch noch Ingermanland und Karelien) wurde endgültig und völkerrechtlich im schwedisch-russischen Friedensvertrag von Nystadt (bei Åbo/Turku in Finnland) 1721 bestätigt.

In den ‚Kapitulationen‘ ging es um die Gewährleistung von ‚Glaube, Sprache und Recht‘ in der besonderen Ausprägung der baltischen Provinzen; es ging um die Wahrung ihrer Rechte und Privilegien, wodurch sie einen besonderen Status im Russischen Reich erhielten. Rußland akzeptierte hier im Baltikum den Gedanken der ständischen Selbstverwaltung – im Gegensatz zu den eigenen kernrussischen Gebieten, in denen nicht zuletzt Peter d.Gr. selbst seine zarische Autokratie mit großer Brutalität durchgesetzt hatte. In den baltischen Provinzen wurde diese Sonderstellung des Adels und der Stadtregimenter bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts konserviert.

Der bekannte deutschbaltische Osteuropahistoriker Hans von Rimscha führt dazu in seiner ‚Geschichte Rußlands’ aus: "Die Bedeutung dieses Gebietszuwachses liegt keineswegs allein im Territorialerwerb und im Gewinn der Ostseeküste. Mit Estland und Livland wurden zum erstenmal Gebiete in das Russische Reich eingegliedert, die nicht nur, wie etwa Nowgorod, unter starkem europäischen Kultureinfluß gestanden hatten, sondern die in ihrer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Struktur, im Niveau ihrer geistigen und materiellen Kultur, in ihrer geschichtlichen Entwicklung und damit in ihren Werttraditionen echtes Abendland waren. Diese Gebiete in sein durch ganz andere geschichtliche Faktoren bestimmtes Reich einzugliedern, ohne damit einen Bruch in ihrer Entwicklung herbeizuführen, war eine für Rußland neue und verantwortungsvolle Aufgabe." Peter nutzte sie, um loyale Fachkräfte für seine Pläne zur Modernisierung Rußlands zu bekommen.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster