In Dur und Moll, im weiten Reich der Töne...

Magdalene Stamm. Porträt von 1972 in einem Artikel von F. Klar (Quelle nicht angegeben, in: DSHI 140 Balt 396)
Postkarte an F. M. Böhm, Münster vom Juni 1979, mit Unterschrift von Magdelene Stamm (DSHI 140 Balt. 396,5)

Magdalene Stamm (1880-1981) – deutschbaltische Dichterin aus (Nord-)Livland

Gehört die Kurländerin Elisabeth Goercke (1886-1966) zu den deutschbaltischen Autorinnen, die heute nurmehr selten gelesen werden (vgl. Archivale des Monats Opens internal link in current windowOktober 2010), dürfte Magdalene, gelegentlich auch Magdalena, Stamm schon zu den weitgehend vergessenen schriftstellerischen Begabungen der deutschbaltischen Literatur gehören. Immerhin ist sie noch in May Redlichs „Lexikon deutschbaltischer Literatur“ (1989) und im „Lexikon der deutschsprachigen Literatur des Baltikums und St. Petersburgs“ von Carola L. Gottzmann und Petra Hörner (2007) erwähnt. Bei Gero v. Wilpert („Deutschbaltische Literaturgeschichte“, 2005) und Maris Saagpakk („Deutschbaltische Autobiographien als Dokumente des Zeit- und Selbstempfindens“, 2006) bleibt Magdalene Stamm hingegen unerwähnt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen sieben Gedichtbändchen – im Kultur-Verlag Herrmann sowie vor allem im Selbstverlag. Autobiographisches enthalten ihre beiden Veröffentlichungen „Meine Blinden“ (1967, Kultur-Verlag Herrmann) und „Erlebtes Leben“ (1980, Selbstverlag).

Magdalene Stamm, Tochter des Arztes Adolf Reussner, wurde am 2. Juni 1880 in Rappin im Kreis Werro (estnisch: Räpina), bekannt wegen der dortigen Papierfabriken, geboren, südöstlich von Dorpat, wenige Kilometer westlich des Peipus-Sees, wo dieser schon in den Pleskauer See übergeht.  Sie besuchte in St. Petersburg ein Knabengymnasium, wo sie das Abitur ablegte. Sie studierte Bakteriologie, später Porzellanmalerei an der Kunstakademie in Riga. 1908 heiratete sie Johannes Stamm (1881-1969, vgl. Deutschbalt. Biogr. Lexikon, S. 758 f.), den Bakteriologen und Professor für Pharmazie an der Universität Dorpat, der bis heute in Estland ein nicht vergessener Gelehrter ist: Johannes Stamm war als russischer Offizier während des Ersten Weltkriegs in der medizinischen Betreuung der russischen Truppen an der Westfront (gegen die Truppen des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns) eingesetzt.  Die Familie lebte bis zur Umsiedlung 1939 in Dorpat, dann in Posen, wo Johannes Stamm Professor an der dortigen Reichsuniversität geworden war, und nach der Flucht in den Westen seit 1945 in München. Ihr Leben und Arbeiten war in den letzten 15 Jahren vor ihrem Tod überschattet durch ihre allmählich vollständige Erblindung, weshalb das Schicksal der Blinden einen großen Anteil an ihrer literarischen und organisatorischen Tätigkeit einnahm. Neben mehreren anderen Auszeichnungen empfing sie 1973 in Offenhausen (Oberösterreich) als Preisträgerin den Dichterschild. Magdalene Stamm starb in München am 10. April 1981, im Alter von 101 Jahren.

In der DSHI (Dokumentesammlung Herder-Institut Marburg) gibt es einen kleinen Bestand betr. Magdalene Stamm. Er wurde bald nach dem Tod der Dichterin von Friederike Böhm (damals Münster i.W.), die eine langjährige Weggefährtin der Dichterin war, dem Herder-Institut übergeben. Darin befinden sich zahlreiche Briefe und Gedichtabschriften von Magdalene Stamm sowie sie betreffende Nachrufe und Zeitungsartikel. Die Sichtung und Sammlung solcher Überlieferungen können dazu beitragen, Leben und Werk der deutschbaltischen Dichterin genauer zu dokumentieren und zu erforschen.

In unserem kleinen Archivbestand sind unter anderem auch Gedichte von Magdalene Stamm enthalten, die in den veröffentlichten Texten noch nicht oder nur in verkürzter Form vorgelegt wurden. Ein Beispiel soll aus dem Jahre 1975 gegeben werden, dessen erste zwei Strophen veröffentlicht sind, dessen letzte drei recht düstere Strophen jedoch nicht immer mit abgedruckt werden:

 

Das Lied ist aus

Das Lied ist aus,
der letzte Ton verklungen
von meines Lebens bunter Melodie.
In Dur und Moll
im weiten Reich der Töne
verklingt es leis in stiller Harmonie.

Was von mir bleibt
ist nur ein leises Klingen
in Seelen, die mich einst geliebt, gekannt.
Man ist so bald auf dieser Welt vergessen.
Restlos versinkt die letzte Spur im Sand.

Hass und Gier beherrscht die Welt,
heut ist das Laster Trumpf!
Giftige Blüten sprießen empor
aus dem grundlosen Sumpf.

Rasender Tanz auf dem Vulkan
hat die Menschheit erfasst.
Alles was schön und rein einst war,
leis in der Ferne verblasst.

Mord und Verbrechen umher!
Nichts ist mehr heilig heut.
Aasgeier, sie warten schon!
Balde ist ihre Zeit!

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster