Stadtverfassung im Baltikum: Die Große Gilde zu Riga

Ausschnitt aus dem "Brüderbuch der Großen Gilde" (DSHI 120 Große Gilde 1, Bl. 23)

Die Große Gilde oder St. Marien-Gilde zu Riga bildete den Zusammenschluß der Kaufleute (im Gegensatz zur Kleinen oder St. Johannis-Gilde, dem Zusammenschluß der Handwerker). Sie gab sich 1354 die ersten Statuten (Schragen), ging aber auf die schon im 13. Jh. nachweisbare „Heilig-Kreuz-Gilde” zurück und nahm ihr Domizil in der „Gildestube von Münster” (mit baulichen Veränderungen bis ins 20. Jh.). Die Große Gilde regelte in ihren Schragen „die Pflege der Geselligkeit, des wohlanständigen Zusammenlebens, der Trinkgelage, der Wohltätigkeit und des Seelenheils”, und blieb bis zum Ende deutschbaltischen Lebens in Lettland Ende der 1930er Jahre eine „Korporation privatrechtlichen Charakters zur Pflege der Gemeinschaft, der gegenseitigen Unterstützung und des allgemeinen Besten”. Beide Gilden, die Große wie die Kleine, repräsentierten seit dem Spätmittelalter die Stadtgemeinde Rigas. Seit dem 17. Jh. nahmen sie das alleinige Recht in Anspruch, in Riga „Handel zu treiben und das Handwerk auszuüben, sie erscheinen somit als Korporationen, die als solche berufsständische Interessen vertreten”. Die Große Gilde war so allmählich neben dem Rat der Stadt und der Kleinen Gilde eine der drei entscheidenden politischen Körperschaften Rigas geworden und hielt diese Stellung bis zur ersten Stufe der Russifizierung 1877/1878, unterbrochen nur durch die Zeit der Statthalterschaftsverfassung (1785-1796) Katharinas II. Danach bestanden die Große und die Kleine Gilde als privatrechtliche Korporationen (ohne politische Rechte) weiter. Nach den neuen lettischen Gesetzen mußten sie sich 1923 als Vereine mit überwiegend kulturellen und gemeinnützigen Zielsetzungen konstituieren. 1935/1936 wurden die Gilden per Gesetz aufgehoben und ihr Eigentum verstaatlicht. Das Archiv der Großen Gilde gelangte nach der Enteignung 1936 in das heute Historische Staatsarchiv Lettlands in Riga. Im Zuge der Umsiedlung der Deutschbalten 1939/1940 kam es zu deutsch-lettischen Kulturgüterverhandlungen, in denen vor allem zwei Dinge intensiv diskutiert und festgelegt wurden: Einerseits sollten einige wenige Originalarchivalien nach Deutschland mitgenommen werden, andererseits sollten diejenigen Archivbestände, die in Lettland verblieben, von der deutschen Seite in Auswahl verfilmt werden dürfen. Die von deutscher Seite angefertigten Archivmikrofilme kamen mit den übrigen Baltischen Archivfilmen 1952 ebenfalls in die DSHI.

Im Falle der Großen Gilde Riga wurden insgesamt drei Bände im Original zur Ausfuhr freigegeben. Ein Band muß als Kriegsverlust beklagt werden; die übrigen beiden kamen 1952 in die DSHI, die Dokumentesammlung des Herder-Instituts Marburg. Bei den beiden Originalbänden handelt es sich um das Bruderbuch der Großen Gilde 1558-1727 und das Ältermannsbuch [1520] 1654-1932 (Archivsignatur: DSHI 120 Große Gilde 1 + 2).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster