Hapsal in Estland – alter Bischofssitz, prominentes Heil- und Seebad

Titelblatt des Quartal-Buchs des Schneideramts der Stadt Hapsal 1780
Titelblatt des Quartal-Buchs des Schneideramts der Stadt Hapsal 1780

Vor fast 750 Jahren wurde an der Küste des westlichen Estland, in der Wiek, Hapsal (estnisch: Haapsalu) gegründet, zunächst die Bischofsburg, dann das sog. Hakelwerk, das 1279 zur Stadt erhoben wurde. Die Stadt war für drei Jahrhunderte Sitz des Bistums Ösel-Wiek, der später nach Arensburg (estn. Kuressaare) auf der Insel Ösel (Saaremaa) verlegt wurde. 1559 wurde Hapsal dänisch (Herzog Magnus), 1563 schwedisch, 1710 russisch. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt zu einem vielbesuchten Seebad,  seit 1825 auch zu einem Heilbad. 1784 hatte die Stadt nur 603 Einwohner, 1934 4.649, davon waren 251 Deutsche, die ganz überwiegend im Herbst 1939 umgesiedelt wurden. Heute leben etwas mehr als 11.000 Menschen in Hapsal.

In der DSHI (Dokumentesammlung Herder-Institut) sind im Laufe der Jahrzehnte einige Archivalien zusammengekommen, die die Geschichte Hapsals betreffen. So finden sich hier etwa zwei 1973 erworbene Schriftstücke bezüglich den Ratsherrn und von 1745-1767 Bürgermeister von Hapsal Johann Georg Rambach (gest. 1767), der ein Bruder des 1735 verstorbenen Gießener Professors und Superintendenten Johann Georg Rambach war. Neben einer Vormundschaftssache von 1737 (Sign.: DSHI 140 Balt 360) sind „Fragmente“ zur Biographie Rambachs zu erwähnen. Diese stammen von Gustav Carlblom (1761-1814), Pastor in Hapsal (1783-1789), danach in Nuckö. Diese Blätter aus dem Jahre 1804 (Sign.: DSHI 140 Balt 361) betreffen interessante Verbindungen des Bürgermeisters nach St. Petersburg, durch die er für die Stadt Hapsal viel Gutes bewirken konnte. Meistens geht es in diesen „Fragmenten“ um Angelegenheiten der Schule und der Kirche, auch um die Landvermessung, kurz: um die Geschichte der Stadt Hapsal in der Zeit, als Rambach ihr Bürgermeister war.

Für die folgende Zeit sind zwei Dokumente wichtig, die Schragen und ein Amtsbuch des Schneideramtes (Sign.: DSHI 140 Balt 14 u. 15), die das Herder-Institut 1955 aus Privathand gekauft hatte:
1. Schragen der Schneiderzunft [zu Hapsal]. Heft im Format 15,5 x 19,5 cm, 22 Bl., davon Bl. 1-8 beschrieben. Das Heft enthält die Bestätigung der Schragen der Schneiderzunft in Hapsal durch das Schneideramt zu Reval, datiert den 7. Juli 1743, unterzeichnet vom dortigen Ältermann Nic[o]laus Walker und bekräftigt durch das Amtssiegel des Revaler Schneideramtes. In der Präambel wird darauf Bezug genommen: „Diese Schragen hat ein Ehrbar-Amt der Schneider in Reval denen Meistern von Hapsal auf ihre Bitte und Begehren Anno 1655 d. 22. Septembr. vor die Gebühr, weil sie allda gedencken Handwerks-Gewohnheit zu stiften, mitgetheilet“. Diese Schragen waren für Reval 1626 von König Gustav Adolph „mit der Königl. Confirmation privilegiret und bekräftiget“ worden. Die Schragen der Schneiderzunft in Hapsal sind also die gleichen wie die in Reval. Sie umfassen 30 Abschnitte.

2. Quartal-Buch des löblichen Schneider-Amts in Hapsal. Anno 1780 (16 x 20 cm, 278 Bl., beschrieben Bl. 1-31, 206-211, 250-254). Es enthält Eintragungen aus den Jahren 1780 bis 1874. Mit kurzen Angaben wird festgehalten, wann die Zunft „Quartal gehalten“ hat. In den ersten Jahren der Eintragungen waren das meist Johanni und Michaelis, selten Ostern oder Weihnachten, im Laufe der 1820er und 1830er Jahre des 19. Jahrhunderts geschah das meist regelmäßig viermal im Jahr, was vielleicht auf eine Ausweitung und Intensivierung der Arbeit im Zuge des beginnenden Badebetriebs und der Erfordernisse der Gäste, die in die Stadt kamen, hinweist. Vermerkt ist, wer die Ämter der Zunft innehatte (Ältermänner) und welche Meister tätig waren (anfangs drei, später drei bis vier, seit Mitte des 19. Jahrhunderts gelegentlich vier bis fünf) sowie Einnahmen und Ausgaben. Es wird von Klagen gegen die Zunft oder einen der Meister berichtet, worüber die Zunft beraten mußte. Das Titelblatt dieses Quartal-Buches ist hier als Abb. beigegeben.

Im Archiv des Historischen Museums in Reval (Tallinn) befinden sich heute zahlreiche Meisterdiplome, Gesellenbriefe, Arbeitszeugnisse, Verzeichnisse der Einnahmen und Ausgaben und Korrespondenzen des Handwerker-Amts der Schneider in Hapsal, wie der estnische Historiker Indrek Jürjo in seinem Beitrag „Das Archiv des Historischen Museums Estlands“, in: Berichte und Forschungen. Jahrbuch des Bundesinstituts für ostdeutsche Kultur und Geschichte, Bd. 1 (1993), S. 147-175, hier S. 166, berichtete.

Weiterhin finden sich in der DSHI die „Hapsalschen Magistratsprotokolle“ von 1594 und 1634-1653, das „Hapsalsche Schloß- undt Landtprotocollum“ von 1643-1650 (beides als Kopien von den Baltischen Archivfilmen des Jahres 1940), sowie zwei umfangreiche Handschriften (Vermögensaufstellungen 1803-1847) und Korrespondenzen von Otto Friedrich Wilhelm v. Kursell-Sinnalep auf Hapsal (1805-1885), beides 1940 als Kopie des Originals aus dem Besitz der Familie v. Ungern-Sternberg in Hapsal angefertigt.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster