Kirchengerichtsprotokolle aus Riga

Einband des zweiten Bandes der Kirchengerichtsprotokolle der St. Petri-Gemeinde Riga
Einband des zweiten Bandes der Kirchengerichtsprotokolle der St. Petri-Gemeinde Riga

Bedeutende Quellen zur Stadtgeschichte

In der DSHI (Dokumentesammlung Herder-Institut) haben sich 16 Handschriftenbände mit Kirchengerichtsprotokollen der St. Petrikirche in Riga (13 Bde.) und des Rigaer Doms (3 Bde.) erhalten, die durch die Umsiedlung der Deutschbalten 1939/40 nach Deutschland kamen. Unter den vielfältigen Archivquellen gelten die Gerichtsprotokolle der Rigaer Kirchen, insbesondere des Doms und der Petrikirche, als wichtige Informationsträger.

Die Protokolle des Doms umfassen die Zeit von 1642 bis 1852. Das Kirchengericht, das aus einem Inspektor und zwei Vorstehern bestand, war seinerzeit für die administrativen und wirtschaftlichen Angelegenheiten der Kirche zuständig – und zwar für die Anstellung der Kirchendiener, für die Einnahmen und Ausgaben, für die Renovierung der kirchlichen Gebäude u. ä. Vom Kirchengericht musste der Kauf, der Verkauf und die erbliche Übernahme der Begräbnisplätze und der Kirchengestühle bestätigt werden. Die Protokolle verdeutlichen exemplarisch, dass das Leben der Domgemeinde eng mit den gesellschaftlichen und politischen Ereignissen in der Stadt und im Staat verbunden war. Die Thematik dieser Quellengruppe ist weitgespannt: Wechsel der politischen Macht, Zerstörungen durch Kriege, Besuche hoher Amtspersonen u.a. Der größte Teil der erhaltenen Protokollbände des Kirchengerichts der Domgemeinde befindet sich im Historischen Staatsarchiv Lettlands.
Das älteste Protokollbuch des Kirchengerichts der Domgemeinde umfasst die Zeit von 1642 bis 1655. Der in gelbem Leder gebundene Band zählt 175 Textseiten, ferner 21 Seiten Register.
Der zweite Band enthält die Gerichtsprotokolle der Domkirche aus der Zeit vom 9. November 1709 bis 18. Oktober 1737; der Text umfasst 570 Seiten, das Register 45 Seiten.
Der dritte Band der Gerichtsprotokolle der Domkirche, der sich heute in der DSHI befindet, bezieht sich auf die Zeit vom 10. Juni 1784 bis 20. November 1813. Er besteht aus 426 Textseiten und 31 Registerseiten. Einige Fragen, wie der Anstellung der Kirchendiener, die Einkünfte der Kirche, die Benutzung der kirchlichen Gebäude werden in allen drei Bänden behandelt.
Im ältesten Protokollbuch nehmen die Fragen der Beerdigungsplätze in der Kirche, die Zugehörigkeit der Kirchengestühle einen großen Raum ein. Wenig Aufmerksamkeit wird hingegen den Fragen der Renovierung der Kirche gewidmet. Im dritten Band finden sich keine Eintragungen über die Bestattungen der Gemeindeglieder, die Renovierungen und Umbauten der Kirche werden demgegenüber aber ausführlich behandelt. Die Bemühungen der Kirchenadministration, die durch die Lagerung des Korns in der Kirche im Jahre 1812 verursachten Schäden zu beseitigen, werden auf zahlreichen Seiten des Protokollbuches wiedergeben.
Die Gerichtsprotokolle, die sich in der DSHI befinden, umfassen eine lange Zeitperiode. In jedem einzelnen Band werden die Ereignisse der betreffenden Zeit dargestellt. Die Auswertung des Inhalts der Protokolle lässt sie als eine besondere Quellengruppe erscheinen, welche den Erforschern der Stadtgeschichte Rigas und der beiden Kirchen reiche Informationen über verschiedene Fragen und Probleme bietet. Bisher ist diese Quellengruppe von der Forschung kaum benutzt worden.

Der vorstehende Text folgt weitgehend der deutschen Zusammenfassung (Valda Kvaskova) des Beitrages von Pārsla Pētersone:  Rīgas Doma baznīcas tiesas protokolu grāmatas  – Vēstures avots [Die Gerichtsprotokolle des Rigaer Doms als historische Quellen]. In: Latvijas Arhīvi, H. 4/2001, 19-39.

 

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster