„Es gibt keine Livländer mehr!“ - Zur Umsiedlung der Deutschbalten 1939

Umsiedlungskiste aus Metall 1939 (Familienarchiv v. Wahl). Für die Abbildungserlaubnis danken wir vielmals Herrn Volker v. Wahl, Hüttenfeld
Umsiedlungskiste aus Metall 1939 (Familienarchiv v. Wahl). Für die Abbildungserlaubnis danken wir vielmals Herrn Volker v. Wahl, Hüttenfeld

In diesem Jahr und gerade in den Monaten Oktober und November wird der Umsiedlung der Deutschbalten aus Estland und Lettland gedacht. Das geschah und geschieht in Konferenzen, Gedenkveranstaltungen, einzelnen Aufsätzen, Artikeln und Ansprachen.
Als Folge des Hitler-Stalin-Paktes und des Zusatzprotkolls, das von Ribbentrop und Molotov unterzeichnet wurde, wurden Ende 1939 ca. 65.000 Deutschbalten in den von Deutschland annektierten sogenannten Warthegau und nach Danzig-Westpreußen umgesiedelt.

Als „diktierte Option“ deutete Dietrich A. Loeber 1972 die Umsiedlung, von der Jürgen von Hehn 1984 als dem „letzten Kapitel baltischdeutscher Geschichte“ sprach. Beide bis heute grundlegenden Veröffentlichungen orientieren über die Vorgeschichte, den Verlauf und die Folgen der Umsiedlung der Deutschbalten und enthalten auch die Edition zahlreicher Dokumente.

Die amtlichen Akten betr. die Umsiedlung der Deutschbalten liegen in den Archiven von Estland und Lettland und im Hinblick auf das Deutsche Reich im Archiv des Auswärtigen Amtes.
In der DSHI (Dokumentesammlung Herder-Institut) befinden sich zwei wichtige Quellengruppen, die im Zusammenhang mit der Umsiedlung der Deutschbalten stehen. Zu nennen sind:

  1. die Baltischen Archivfilme und die von ihnen hergestellten Papierrückvergrößerungen (vgl. ‚Archivale des Monats’ Mai 2007) und
  2. einschlägige Dokumente, verstreut in persönlichen Überlieferungen. Sie ergänzen das Bild, das aus dem Studium der offiziellen Akten über das Geschehen gewonnen werden kann durch Schilderungen des unmittelbaren menschlichen Erlebens. Als Symbol für Unterlagen dieser Art soll das Bild einer Metallkiste mit der Aufschrift "Umsiedlungsgut" gezeigt werden. In Kisten dieser Art wurden persönliche Gegenstände, darunter auch  viele Dokumente einer deutschbaltischen Familie in den Warthegau und dann weiter in den Westen gebracht.


In den einzelnen Beständen der Dokumentesammlung des Herder-Instituts, vor allem in den Nachlässen und Familienarchiven, gibt es zahlreiche Unterlagen, die die Zeit und die Umstände der Umsiedlung, die Gedanken der Menschen, die ihre Heimat verlassen mußten, und auch die Zeit im Warthegau beschreiben. Stellvertretend für diesen Quellenbereich sei an den Brief von Lilly v. Campenhausen (1876-1942) aus Orellen (Kr. Wenden, Livland) an Alexander v. Meyendorff (1869-1964) erinnert, den für das ganze Russische Reich bedeutenden deutschbaltischen Juristen und Politiker, der damals in England lebte. Lilly v. Campenhausen hatte sich zur Teilnahme an der Umsiedlung entschlossen und war von Orellen nach Riga gekommen, um hier das Umsiedlerschiff zu besteigen. Da das Schiff erst am folgenden Tage abfuhr, verbrachte sie die letzte Nacht vom 21. auf den 22. November 1939 in der Heimat in einem Hotel in Riga und schrieb ihre Gedanken, die sie am Vorabend der Umsiedlung erfüllten, an ihren alten Bekannten Alexander v. Meyendorff, die in den folgenden Sätzen gipfeln: „Es giebt keine Livländer mehr. Ihr Hiersein soll keinen Sinn mehr haben [...]. Für d. Einzelnen gab es keine Wahl oder Entscheidung. Man gehört in diese Schicksalsgemeinschaft, – ob aktiv oder passiv bleibt in diesem Fall fast gleich.“ (DSHI 100 Meyendorff 120).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster