Der Schicksalsweg der Bewohner des Baltenheims in Schwetz

Ausschnitt aus einer Seite des Verzeichnis der Verstorbenen des Baltenheims in Schwetz / Westpreußen
Ausschnitt aus einer Seite des Verzeichnis der Verstorbenen des Baltenheims in Schwetz / Westpreußen

Im Okt. und Nov. 1939 wurden die Deutschen aus Estland und Lettland nach Deutschland umgesiedelt. Es handelte sich mit den Nachumsiedlern im Frühjahr 1941 um insgesamt etwa 83.000 Personen, die meist in den nach dem Polenfeldzug von den NS-Besatzungsbehörden neugebildeten Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland angesiedelt wurden (vgl. unser ‚Archivale’ vom Okt. 2009 mit den dortigen Literaturhinweisen).

Unter den deutschbaltischen Umsiedlern gab es einen sehr viel höheren Prozentsatz an Menschen über 65 Jahren (12,2 %) als unter den anderen volksdeutschen Umsiedlergruppen etwa aus Wolhynien und Galizien (3-4 %) oder unter der Bevölkerung im ‚Altreich’ (7,8 %). Die Frage der Unterbringung alter Menschen stellte im Hinblick auf die baltischen Umsiedler ein größeres Problem dar als bei den anderen Umsiedlergruppen. Außerdem gab es schon in Estland und Lettland Altersheime, die von den dortigen deutschbaltischen Organisationen unterhalten worden waren. Die Bewohner dieser Heime nahmen mehr oder weniger geschlossen an der Umsiedlung teil. Für sie musste bei der Ansiedlung in Westpreußen oder im Warthegau in besonderer Weise gesorgt werden. So kam es zur Gründung eines großen deutschbaltischen Altersheims, offiziell ‚Gaualtersheim für Baltendeutsche’, im Volksmund kurz ‚Baltenheim’ genannt, in Schwetz/Westpreußen. In der Zeit der höchsten Belegung waren hier über 700 Bewohner untergebracht. Ende Jan. 1945 waren es noch immer knapp 700 Personen, die am 4. Febr. kurz vor der Einnahme von Schwetz unter dramatischen Umständen mit Autobussen und Lastwagen bis zur nächsten noch funktionierenden Bahnstation gebracht und von dort nach Danzig und mit verschiedenen Zwischenstationen per Schiff nach Swinemünde, von dort per Bahn nach Mecklenburg und Vorpommern, nach Oldenburg/Oldbg., nach Ostfriesland und dann Mitte März 1945 auf die Nordseeinsel Langeoog evakuiert wurden.

Das ‚Verzeichnis der Verstorbenen’ dieses Altersheims hat sich erhalten. Es befindet sich beim Evangelischen Hilfsverein in Hannover, der der Dokumentesammlung (DSHI) eine Ablichtung des Verzeichnisses für die Nutzung durch die Forschung überlassen hat (Sign.: DSHI 140 Balt 468).

Das Verzeichnis enthält Eintragungen vom 4. Nov. 1939 bis 16. Okt. 1978. Es wurde unmittelbar nach der Ankunft in Danzig noch während der Bahnfahrt nach Schwetz 1939 begonnen und über alle Stationen vor allem in den schweren Jahren 1945 bis 1947 bewahrt und sogar weitergeführt. Mit seinen 737 namentlich genannten Verstorbenen aus 39 Jahren ist es ein eindrucksvolles Zeugnis des Schicksals dieses Personenkreises. Es sind jeweils angegeben: Familienname, Vorname, gegebenenfalls Geburtsname, Datum des Todes, nach 1948 auch Geburtsdatum, Datum des Begräbnisses, Religion/Konfession, Todesursache, Sterbeort. Aus der hier vorgestellten Quelle geht hervor, dass zwischen dem Beginn der Evakuierung in Schwetz und der Ankunft auf Langeoog von den ursprünglich knapp 700 Personen 177 auf dem Weg gestorben oder sonst ums Leben gekommen sind. Das Schicksal von weiteren etwa 80 Personen, die in dem Sterberegister nicht enthalten sind, blieb ungeklärt. Ihre Namen konnten in Anbetracht der extremen Notlage nicht aufgeschrieben werden.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster