Museum und Zeitgeschichte 1903-1945. Das Schlesische Museum Breslau.

Seite aus dem Akzessionskatalog des Schlesischen Museums Breslau aus dem Jahre 1928 mit dem Stempel „Als entartete Kunst beschlagnahmt 1938“ zu zwei Werken von Schmidt-Rottluff.
Seite aus dem Akzessionskatalog des Schlesischen Museums Breslau aus dem Jahre 1928 mit dem Stempel „Als entartete Kunst beschlagnahmt 1938“ zu zwei Werken von Schmidt-Rottluff.

Die DSHI, die Dokumentesammlung im Herder-Institut, bereitet ein Erschließungsprojekt vor, das die in den Akzessionsbüchern des 1879 in Breslau eröffneten Schlesischen Museums der Bildenden Künste enthaltenen Angaben einer breiten Öffentlichkeit, vor allem der Forschung, leicht zugänglich machen soll. Geplant ist eine im Internet recherchierbare Datenbank.

Die neun Akzessionsbücher im Folioformat verzeichnen alle Neuerwerbungen des Schlesischen Museums in der Zeit von 1903 bis 1945. Sie gehören zum Nachlaß von Prof. Günter Grundmann (1892 – 1976), des renommierten schlesischen Kunsthistorikers und letzten deutschen Provinzialkonservators der Provinz Niederschlesien (DSHI 100 Grundmann 197-205).

Das Schlesische Museum war das bedeutendste kunsthistorische Museum in Schlesien vor 1945. Für Schlesien, aber auch für die anderen historischen deutschen Ostgebiete dürfte es ein einmaliger Glücksfall sein, daß solche Akzessionsbücher erhalten sind und nun von der Forschung ausgewertet werden können.

In den Bänden sind folgende Angaben  enthalten: Datum der Akzession, Künstler (resp. Autor), Werk (resp. Titel), Materialart, Art des Erwerbs, bei Kauf: Preis, Provenienz (Vorbesitzer, Voreigentümer, Einsender).

Die Akzessionsbücher geben Auskunft über die Erwerbungen jeglicher Art, vom Ankauf wertvollster Gemälde bis hin zum Erwerb museumskundlicher und kunsthistorischer Fachliteratur. Berücksichtigt sind auch museumstechnische und bürotechnische Ausstattungen. Sie geben Einblick in die Erwerbungspolitik eines deutschen Kunstmuseums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und in das Beziehungsgeflecht, das dieses Museum mit staatlichen Stellen, anderen Museen, Galerien und Forschungseinrichtungen und mit Kunsthändlern, Kunstmäzenen und einer breiten an Kunst und Wissenschaft interessierten Öffentlichkeit verband.

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt betrifft zeitgeschichtliche Fragen, zu denen die Akzessionsbücher ebenfalls Erkenntnisse vermitteln; beide betreffen die NS-Zeit:

das Schicksal der sog. entarteten Kunst und ihre Entfernung aus den Museumsbeständen (Kennzeichnung durch entsprechende Stempel zu jedem Kunstwerk, vgl. beigefügte Abbildung) und das Schicksal des privaten Kunstbesitzes jüdischer Familien und deren Übergabe an das Museum – entweder durch die Eigentümer vor der Beschlagnahme oder durch polizeiliche oder gerichtliche Institutionen nach der zwangsweisen Enteignung der jüdischen Eigentümer.

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster