Seelsorger und Politiker der Deutschbalten

Erstes Blatt des Manuskriptes der Abschiedspredigt Pastor Kellers von St. Petri zu Riga am 4. Advent 1919, beginnend „Schweren, schweren Herzens stehe ich heute vor Dir, Du l[iebe] Petrigem[ein]de“.
Erstes Blatt des Manuskriptes der Abschiedspredigt Pastor Kellers von St. Petri zu Riga am 4. Advent 1919, beginnend „Schweren, schweren Herzens stehe ich heute vor Dir, Du l[iebe] Petrigem[ein]de“. (DSHI 100 Keller 10)

Zum 70. Todestag von Karl Alexander Keller (1868-1939)

Die DSHI, die Dokumentesammlung im Herder-Institut Marburg, archiviert den Nachlaß des deutschbaltischen Theologen und Politikers Karl Alexander Keller, der in einer schwierigen Epochen der Geschichte der baltischen Deutschen für diese Verantwortung getragen hat: Es war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die Deutschbalten von der einst führenden, politisch wie wirtschaftlich tonangebenden sozialen Schicht zur nationalen Minderheit in den 1918 neu entstandenen Staaten Estland und Lettland wurden, die nun um Minderheitenrechte kämpfen mußte. Ein wesentlicher Bereich war das Schul- und gesamte Bildungswesen – hier der Deutschen in Lettland. Keller gehörte zu jenen Deutschen, die von 1918 bis 1920 als deutscher Vertreter im Lettischen Volksrat mitarbeiten und 1920 an der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Riga teilnehmen konnten. So wurde er noch 1920 zum ersten Inhaber des neugeschaffenen Amtes des Chefs des „Deutschen Bildungswesens“ im Lettischen Bildungsministeriums ernannt, wodurch er auf Grund des Lettischen Schulgesetzes die Leitung über das gesamte deutsche Bildungswesen, vor allem die deutschen Schulen des Landes, ausüben und in mancherlei Weise zwischen Staat und nationaler Minderheit vermittelnd wirksam werden konnte, Möglichkeiten, die Keller vielfältig nutzte. Sein Nachfolger in diesem Amt wurde Wolfgang Wachtsmuth (1876-1964).

Karl Alexander Keller wurde am 24.8.1868 in Riga geboren und starb ebendort vor 70 Jahren am 31.7.1939, ein Vierteljahr vor der Umsiedlung der Deutschen aus ihrer Heimat in Estland und Lettland ins Deutsche Reich.

Von 1890 an studierte Keller bis 1894 in Dorpat Theologie. 1896 bis 1904 war er Pastor in Kandau in Kurland, anschließend Gefängnisprediger, Stadtvikar und Religionslehrer in Riga. 1904 bis 1920 wirkte er als Rektor und Pastor in Riga am Diakonissenmutterhaus, am Dom und an der Petrikirche; 1920 bis 1922 war er deutscher Abgeordneter in der Konstituante. Zwischen 1922 und 1928 und noch einmal von 1933 bis 1934 war Keller Mitglied des lettischen Parlaments (Saeima). 1920 wurde er Chef des „Deutschen Bildungswesens“. Er war zugleich Vorstandsmitglied der Deutsch-Baltischen Demokratischen Partei, Schriftleiter der „Rigaschen Rundschau“ und seit 1930 Vorsitzender der Herder-Gesellschaft, die das Herder-Institut Riga, die einzige private deutsche Hochschule gegründet und seit 1921 getragen hatte.
Sein Nachlaß enthält wenige Personalpapiere (1925-1939), Dokumente zur beruflichen und politischen Laufbahn (1906-1934); Predigten, Trauerreden (1915-1934); Reden zu Schul- und Kulturfragen (1920-1935), einen Aufsatz „Die deutsche Parlamentsfraktion in Lettland 1919-1934“ sowie Unterlagen zu Jahresfeiern von Herder-Gesellschaft und Herder-Institut Riga (1936, 1938).

Dorothee M. Goeze und Peter Wörster